der von Ihnen gepflegte Sachbeschädigungsdiskurs ist das Gesabber eines pawlowschen Hundes. Ich habe mich daher über Ihren Kommentar („Sinnlose Aggressionen“) in der heutigen FR sehr geärgert und werde im Folgenden einiges dazu anmerken. Der IG-Farben-Campus, der übrigens aufgrund seiner Verstricktheit in die NS-Geschichte am Tag der Räumung von den Studierenden in Norbert-Wollheim-Universität umbenannt wurde, ist vom Gebäude her ohne Zweifel als Herrschaftsarchitektur zu klassifizieren. Diese Wirkung geht Hand in Hand mit jener autoritären, feudalen Regierungsform an der Goethe-Universität, wie sie seit der rücksichtslosen Federführung des Ex-Präsidenten Steinberg in Vollendung besteht. Die Studierenden sind auf das politisch elendige Dasein eines „dritten Standes“ abgedrängt, der bestenfalls temporär einen beratenden Status zugebilligt bekommt, ansonsten als Kundschaft eines Anbieters von Dienstleistungen betrachtet wird. Wenn „Aggressionen“, und zwar auf politisch reflektierte Weise wie bei der Besetzung des Mensagebäudes am Nazicampus weitgehend geschehen, „Sinn“ machen, dann doch wohl gegen solche Zustände.
Es ist daher nur nachvollziehbar, dass wenn Studierende sich angesichts dieses antidemokratischen, antiaufklärerischen Elends mit dem Ziel politischer Mitbestimmung zum politischen Kampfmittel einer Gebäudebesetzung gezwungen sehen, auch der herrschaftsförmige Charakter der Architektur durch eigenwillige, spontane Umgestaltung auf ein erträglicheres Maß abgemildert wird. Da zudem aufgrund der polizeilichen Räumungsgefahr bei Besetzungen nächtliche Parties zumindest dann alternativlos sind, wenn man im Ernstfall genug Menschen vor Ort wissen will, werden Sachbeschädigungen bei dieser Form sozialer Kämpfe nie ausbleiben. Auch nicht, wenn es sich um dezidiert nicht zur Herrschaftsvergötzung entworfene Unigebäude handeln würde, wie etwa die des Architekten Ferdinand Kramer, die seitens der Unileitung dem Abriss überantwortet wurden.
Wer als Präsident einer Universität die Demokratie systematisch untergräbt und gleichzeitig den dagegen sich bildenden Widerstand nicht finanziell mit einkalkuliert, ist seiner gewählten, autoritären Rolle nicht gewachsen. Dass der Unipräsident Müller-Esterl dies jedoch zweifellos ist, zeigt die von ihm angeordnete Aussperrung, die am Tag der Räumung um 19h durchgeführt wurde. Alle Universitätsgebäude beider Campi wurden geräumt, Forschung, Lehre und Studium mussten die Arbeit an diesem Abend unter Zwang beenden, da der gesamten Universität, den Studierenden wie den Lehrenden, ein grundsätzliches Misstrauensvotum ausgestellt wurde. Die aus Arbeitskämpfen bekannte Praxis der Aussperrung stellt für den/die Eigentümer_in eines der letzten Mittel zur Verhinderung einer Besetzung der Produktionsstätten durch die Arbeiterinnen und Arbeiter dar. Innerhalb eines demokratisch verfassten Staates ist die inneruniversitäre Anwendung solcher, an Gesinnungsgesetze erinnernder Methoden ebenso wie das Aussprechen von Hausverboten gegenüber Studierenden an ihrer eigenen Uni, schlicht ein Skandal!
Angesichts dieser Rücksichtslosigkeit liesse sich auch die vom Präsidium im Umgang mit den Medien verfolgte Argumentationsstrategie bzgl. der erfolgten Sachbeschädigungen, unschwer als taktisches Manöver durchschauen. Redlicher Journalismus hätte hier zu differenzieren, statt die von der Unileitung der Presse vorgeworfenen, ekligen Bröckchen politischer Meinungsmache wie ein pawlowscher Hund herunter zu schlingen. Wer hier also den Studierenden „keinen Gefallen getan hat“, wie Sie – werte Frau Ludwig – in Ihrem Kommentar kolportieren, waren nicht die Studierenden mittels „Sachbeschädigung“, sondern Sie selbst mit Ihrem Populismus für das universitäre Mittelalter betreibenden Artikel.
Solch niveauloser Billigjournalismus muß selbst in der FR nicht sein. Bei den Bildungsprotesten 2006 etwa, als noch Ihr Kollege Georg Leppert über die Ereignisse in Frankfurt berichtete, wurde erst zu einem sehr fortgeschrittenen Zeitpunkt und hier auch nur am Rande über die damals wirklich hohen Kosten diskutiert, die Autobahn- und Hauptbahnhofbesetzungen dem Land, der Stadt und damit selbstverständlich auch dem Bildungswesen verursachten. Diese Kosten waren ein politisches Druckmittel zur Erkämpfung politischer Forderungen, die damals in der Berichterstattung der FR auch entsprechend gewichtet wurden. Ich fände es begrüssenswert, wenn Ihr Käseblatt wenigstens bei diesem Thema wieder zu einem etwas reflektierteren Journalismus zurück finden würde.