1. Mai Berlin – regressiver Antikapitalismus und unverstandene Science Fiction

3.14min dauert die Inszenierung eines seit einiger Zeit durch youtube geisternden Mobilisierungsvideos für den „revolutionären 1. Mai“ in Berlin. Dieses dem „Bonzenautos niederbrennen für die Köpi“-Umfeld zuzuordnende Zeugnis selbstbezüglicher Realitätsferne fällt zunächst durch schlechten Musik-Geschmack auf. Ein für kleinbürgerliche Sylvesterparties ausgelegtes remix von „survivors“ abgeschmacktem Klassiker „eye of the tiger“ soll die nötige Spannung aufbauen, um ein an die Wand projiziertes Bedrohungsszenario zielgruppengerecht affektiv zugänglich zu machen. Ein Szenario, dass wieder aller sachlichen Einsicht die alte Münteferingsche Leier einer drohenden Heimsuchung von aus dem off in die Hauptstadt einfallenden Heuschrecken (gemeint sind US-Investoren) imaginiert. Als Gegenkonzept zu dieser gefühlten Bedrohung ergeht man sich in kreativlosem Militanzgeprolle. Die Geschmacklosigkeit jenes einfältigen Machwerks entbehrt dabei nicht einer gewissermaßen situationstragischen Note.

Was ich meine sind jene dem sci-fi-Film „starship troopers“ (Paul Verhoeven) entlehnten samples in dem Mobilisierungsvideo, die die Vernichtungsdrohung gegen die „Heuschrecken-Investoren“ entsprechend veranschaulichen sollen. Es sind Kriegsszenen, die von einem Kampf um Leben und Tod erzählen; einem Existenzkampf zwischen der Menschheit und einer bestialischen Form extraterrestrischen Lebens, die – der Zufall will es – als insektenartige Wesen Heuschrecken nicht unähnlich sind. In Kombination mit dem highnoon-Stimmung erzeugenden Soundtrack wird so dem Einmaleins der Kriegspropaganda verpflichtet eine Atmosphäre erzeugt, in der die irrelevantisierten Traditionsautonomen als Verschwörer für das Gute wohlig zusammenrücken können. Zu jenem durchaus interessanten Kriegsfilm, der für die Hetze auf youtube herhalten muß, besteht fernab jeden Genießens ein auschließlich instrumentelles Verhältnis.

Hätte sich die Riege jener 1.Mai-Mobilmacher auch nur annähernd im Sinne von Erkenntnisinteresse (und damit orientiert an intellektuellem Lustgewinn) auf den Streifen eingelassen, wäre ihnen nämlich die Enteignung jener Filmszenen sicher nicht so leicht gefallen. Denn: Zwar geraten die in der Romanvorlage von Robert Heinlein (1959) deutlich dargestellten faschistischen Züge der Regierung in der Verfilmung zu Gunsten von special effects und popcorn-Spektakel etwas in den Hintergrund; unübersehbar erscheint diese jedoch in Gestapomänteln, parsim tauchen Runen-Symbole auf usw. Den Sieg ermöglicht letztlich eine Superwaffe der Führungsriege (telepathische Kräfte). Es sind Soldaten einer antikommunistischen, faschistoide Züge tragenden Gesellschaft, deren Kampf gegen die „bugs“ – einem Ungeziefer – für die Mobilisierung zum „revolutionären 1. Mai“ in Berlin dient.

Wenn man kein Freund von Büchern ist – geschweige denn von hoher science fiction-Literatur, kann man diesen Film vielleicht bei oberflächlicher Betrachtung als einen profaner Unterhaltung verpflichteten blockbuster „lesen“, in dem die „guten“ Identifikationspersonen gegen für das Unbehagen in der Kultur verantwortliche Heuschrecken kämpfen. Die Kürze von 3.14min eines Probagandavideos reicht hingegen bereits aus, um die fantasielosen seelischen Ruinen jener der Elendslinken angehörigen Kinogänger offen zutage treten zu lassen. Es ist ein Zeugnis zwanghaften Abarbeitens statt Genießens, von ernstzunehmender Kapitalismuskritik ganz zu schweigen. An den eigenen Träumen, unseren negativen Ausdrücken positiv nicht beredtbarer Wünsche von Individuation, wurde hier zu Gunsten der Alltagsreligion Antisemitismus Verrat begangen.

Ich weise daher im Namen der Science-Fiction (denn gemeint sind alle…) die werte Leserinnenschaft auf einen außergewöhnlichen, in Deutschland aus gutem Grund wenig beachteten Autor hin, der die hier zum Vorschein kommende Tragik einer regressiven Orientierungslosigkeit als festen Bestandteil in seine Gesellschaftskritik integriert hat. Jener regressive Antikapitalismus, der aus dem Kampf gegen eine imaginierte, aus dem off kommende Heimsuchung das eigene Leiden zu kompensieren trachtet, ist bei James Graham Ballard zentraler Bestandteil seiner Gesellschaftskritik. Eine adäquate Würdigung dieses Autors muß zu einem anderen Zeitpunkt erfolgen. Vielleicht, wenn seine Romanverfilmung „high rise“ (hoffentlich) in die deutschen Kinos kommt.

Quasi als appetizer dazu sollen aber wenigstens ein paar wesentliche Auszüge aus einem Interview angeführt werden, dass er 2005 der Zeit gegeben hat:

„ZEIT: David Cronenberg verfilmte 1996 Ihren Roman Crash, einen Highway-Thriller über Todestrieb und Selbstzerstörungssehnsüchte. Die meisten Opfer von New Orleans sehen allerdings nicht aus, als würden sie das Desaster genießen.

Ballard: Aber wir Zuschauer. Wir leben in masochistischen Zeiten. Unsere Gesellschaften sind getrieben von widerstreitenden psychopathologischen Impulsen. Und große Naturkatastrophen wie Katrina passen perfekt zu unserer apokalyptischen Grundstimmung. Man muss sich klarmachen, dass wir in weitgehend säkularen Gesellschaften leben: Gott ist tot. Und diese großen Kataklysmen wie Katrina oder der Tsunami im Fernen Osten übernehmen nun die Aufgabe Gottes. Sie sind die gewaltige Kraft, die uns bestraft für unser unmoralisches Leben. Das kann sehr befriedigend sein, solange man nicht selbst betroffen ist.“

„ZEIT: Wenn es stimmt, dass alle Science-Fiction irgendwann wahr wird – welche Ihrer vielen Endzeitvisionen stehen uns noch bevor? Das demolierte Hochhaus aus High-Rise , das geisterhafte New York aus Hello America! oder die Autorennen aus Crash? Was kommt als Nächstes?

Ballard: Tückische Frage. Ich fürchte, Szenarien wie in Crash und High-Rise sind beinahe schon gegenwärtig. Zwar nicht als offensichtliche Gewaltausbrüche wie in der Literatur, aber als unterschwellige Aggression. Die Leute werden weiterhin morgens aufstehen, ins Auto steigen und ins Büro fahren – aber in ihren Köpfen geht etwas Gefährliches vor sich. Denn sie leiden unter der bürgerlichen Langeweile. Nichts passiert. Die Politik kann man nicht ernst nehmen. Unsere Monarchie hier in England ist ein Witz. Woran sollen die Leute noch glauben? Alles Aufregende geschieht in ihren Köpfen. Das ist ein gefährlicher Ort.“

“ ZEIT: In High-Rise verfallen gutbürgerliche Mieter grundlos der Barbarei, sie hausen wie Primaten in ihren Luxusapartments. Beim Hurrikan Katrina hatte das Desaster einen konkreten Anlass.

Ballard: Die Katastrophe in New Orleans war eine Heimsuchung. Es scheint heute zwar mehr Naturkatastrophen zu geben als vor 50 Jahren, und wir haben uns angewöhnt, zu denken, das liege an der globalen Erwärmung. Aber vielleicht ist es weniger der Globus, der sich erwärmt hat, sondern es brodelt in unserem Innern. Es ist wie im Zoo mit den Schimpansen. Wenn man ihnen den Tisch deckt, sitzen sie eine Weile still und trinken eine Tasse Tee. Aber urplötzlich fangen sie an, alles zu zertrümmern, weil sie die Langeweile, die Ereignislosigkeit nicht ertragen. Da greifen sie lieber zur Gewalt. “


3 Antworten auf “1. Mai Berlin – regressiver Antikapitalismus und unverstandene Science Fiction”


  1. 1 Jakob 23. April 2008 um 22:42 Uhr

    Ach ja, dieses elende Trailermonster! Irgendwie passt es ja doch mit Starship Troopers, oder? Wenn der im Verhoeven-Film immerhin deutlich ironisierte Vernichtungswille gegen die „Bugs“ im antiimperialisitschen Werbefilmchen völlig unironisch aufgenommen wird, ist das ja seitens der Urheber quasi schon das (unbewusste? Oder vielleicht gar trotzige?) Eingeständnis der eigenen Anschlussfähigkeit an Faschismus und Antisemitismus. Nun ja, glücklicherweise treiben sich am ersten Mai auch ein paar vereinzelte vernünftigere Menschlein auf der Straße rum und versuchen z.B. in Hamburg Naziaufmärsche zu verhindern …
    Ballard ist jedenfalls ein guter Hinweis. High Rise klingt, als wär’s derzeit genau das Richtige für mich!

  2. 2 Administrator 24. April 2008 um 0:34 Uhr

    vielleicht leutet high rise ja eine neue ära des „zombiefilms“ ein? statt einer unvermittelt ausbrechenden zombieseuche, die die menschen degenerieren läßt, wird bei high rise ja der kollektive massenamok nachvollziehbar entwickelt. es gibt also die möglichkeit der identifikation, des einfühlens. sind solche filme der konsequenzlogische folgeschritt nach der stattgefundenen übersättigung der konsument_innen mit zombiefilmen? und wenn, wäre es dann begrüßenswert weil aufklärerisch oder beängstigender seismograph für eine neue schamlosigkeit gegenüber der eigenen affektivität oder beides?

    warum ballards bücher gerade in deutschland kaum verlegt sind erklärt er in dem oben verlinkten interview jedenfalls so:

    „Allerdings bin ich erstaunt, dass in Deutschland meine Bücher gelesen werden, obwohl sie dort nicht mehr erscheinen. Ich wurde ein paar Jahrzehnte lang verlegt, aber plötzlich war Schluss.

    ZEIT: Ja, das ist unbegreiflich.

    Ballard: Nein, ich verstehe es gut. Die Deutschen sind empfindlich. Und der Schriftsteller James Graham Ballard scheint die Gewalt zu verherrlichen. Er scheint das Chaos gutzuheißen.“

  1. 1 der Kotzkübel der radikalen Linken « Scheckkarte Als Passion Pingback am 27. April 2008 um 21:03 Uhr
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