Archiv für Mai 2008

„Deutsche Normalitätseuphorie“ in Bremen und Frankfurt

Vergangenes Wochenende war ich auf dem kittkritik-Kongress in Bremen, der mir Aufgrund der netten Atmosphäre und den sehr engagierten Vorträgen und Diskussionen in bester Erinnerung bleiben wird (ausführlicherer comment hier). Bestens war auch das Wetter; dass wir an der Weser chillend fast von einer knappen Hundertschaft hools überrannt worden wären, die aus einem Bullenspalier auszubrechen versuchten, war hingegen weniger schön. Zeitgleich zu dem Kongress fand nämlich ein Fussballspiel zwischen Werder Bremen und Hannover 96 statt. Die auf dem Kongress diskutierten Ausführungen von Sonja Witte etwa zur Massenpsychologie, konnten so direkt am Elend der bierseeligen Dritte-Halbzeit-Mannschaften nachvollzogen werden:

„Im Leben des Kollektivs geht es anders zu als nach den Spielregeln in den Beziehungen zwischen den Individuen. Schon bei jedem Fußballmatch jubelt die jeweils einheimische Bevölkerung unter Missachtung des Gastrechts schamlos dem eigenen Team zu…“ (Adorno 1963, ausgegraben von S. Witte)

Anlässlich des bald im Zuge der Fussball-Europameisterschaft zu erwartenden nationalen Massenamoks in Bierzelten und auf der Straße, findet nun am 30. – 31.5. auch in Frankfurt eine nicht weniger engagierte Tagung statt:

„Zwei Jahre sind seit der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland vergangen – seit dem Zeitpunkt also, so waren sich die Deutschen und ihre Kommentatoren einig, an dem endlich unverkrampft der weltoffene Partypatriotismus der Deutschen die Schatten der Vergangenheit überwand. Ein langer publizistischer Vorlauf begleitete den Weg zur WM und allerorten war vom guten Patriotismus, vom kosmopolitischen Projekt Europa oder der weltoffenen Berliner Republik zu lesen. Endlich Normal im Europa der Vaterländer…“

banner klein

Ich bin schon sehr gespannt, zumal die Tagung in Ffm nochmal eine etwas andere (weniger Psychoanalyse-lastige) Perspektive einzunehmen scheint als die Bremer kittkritik. Ausserdem hoffe ich, dass sie der Antifa-Ultra-Szene in Frankfurt das regressive Wasser zumindest zeitweilig abgraben wird. Es ist immer wieder besorgniserregend, dass in diesen Kreisen Freiheit der Tendenz nach eher im Aufgehen in einer gegen einen gemeinsamen Feind (Bullen, Nazis, verfeindete Fußballfans) ausgerichteten Masse erfahren wird, denn in individuellem Handeln. Sicher nicht repräsentativ aber dennoch bezeichnend ist vor diesem Hintergrund, dass mittlerweile auf indymedia Diskussionen darüber auftauchen, ob man Antifademos terminlich auf Fußballspiele legen dürfe.

Dabei schliessen sich Aufklärung und Fußball keineswegs kategorisch aus. Längst existiert ein grundlegendes Einführungswerk in die geschichtsphilosophischen Implikationen von Fußball und der Emanzipation des Individuums. Es ist das von Monthy Python in Szene gesetzte Fußballspiel zwischen deutschem Idealismus und der Philosophie des antiken Griechenlands, dass ich hiermit als Einstiegsdroge für Antifahools in Adorno anpreise:

Die von der deutschen Mannschaft spieltechnisch performte gattungsgeschichtliche Verirrung hat in Pythons Film darin seinen Ausgangspunkt, dass sie den Ball nach einer sadistischen Blutgretsche von Nietzsche – für die er vom Schiri verwarnt wird – an das antike Griechenland abgeben muß. Kant stellt mit seinem Versuch, angesichts dieses barbarischen Geruppses ein vernünftiges Spiel aufzubauen, die realitätsferne Selbstbezüglichkeit seiner Kompetenzen als Aufbauspieler unter Beweis. Bei diesem augenfälligen Mangel an proletarischer Disziplin in der deutschen Elf ist es nur konsequent, dass es zwar zur vielerhofften Einwechselung von Marx (mit DDR-Trainingsanzug) in den Sturm kommt, dieser jedoch die Ideen aus dem Trainingslager nicht spielerisch in die Tat umsetzen kann. Was bleibt ist schlussendlich ein demoralisierter Kulturpessimismus (Marx schmeißt wütend sein Buch auf den Boden), sowie der kategorische Imperativ, durch hartes Training aus dem Spiel zu lernen, damit das Verhalten der Abwehr in Zukunft ohne taktische fouls von Nietzsche auskommt.