Archiv für Juni 2008

Zu Merkels Bildungsrepublik

Die Bundeskanzlerin hat in ihrer Rede auf der Ludwig-Erhard Festveranstaltung den von der deutschen oral-history affektiv gelenkten, auswalsernden turn ins „Neue Deutschland“, geschickt auf Ebene des Bildungssektors, jenem Fundament das der „Geisteskultur“ des geläuterten Landes der Richter und Henker zu Grunde liegt, nachvollzogen.

Die in diesem Zuge präsentierte Relektüre des „Vaters der sozialen Marktwirtschaft“ wird zunehmend usus im Volksmund. Aufs wesentliche herunter gebrochen meint die „Neue soziale Marktwirtschaft“ ein gemeinsames den Gürtel enger schnallen, um der Berliner Republik den Griff zur wirtschaftlichen Weltspitze zu ebnen. An die Wirtschaft wird gleichzeitig moralisch appelliert, jene die zu gierig werden als undeutsch stigmatisiert und mit Ausschluß aus dem Kollektiv (Boykott) bedroht.

Das sich Merkel in diesem Zuge auch nicht zu schade ist, der neoliberalen Ideologieschleuder INSM als Werbeträger zu dienen, ist nur konsequent. Die im Auftrag des Arbeitgeber-Dachverbandes Gesamtmetall von der Werbeagentur „Scholz & Friends“ im Jahr 2000 konzipierte „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, verfolgt das selbsterklärte Ziel, mittels Populismus für einen Einstellungswechsel zugunsten neoliberaler Politik in der Bevölkerung zu sorgen. Wäre nicht das Kollektiv leicht einzuschwören auf Großmachts-, Weltspitze-, Führungsambitionen, man könnte es glatt Klassenkampf von oben nennen. Doch braucht es hierfür immer noch zwei miteinander kämpfende Klassen. Der Nationalismus erweist sich in solchen Fällen als traditionsbehaftete, sichere Bank, um trotz sozialer Einschnitte den Klassenkompromiss im Hass auf alles undeutsche herzustellen. Aus Perspektive von INSM (und Merkel) bezieht sich das in diesem Falle auf die Exkludierung jener die nicht daran mit arbeiten wollen, dass „Deutschland in allen Bereichen vorne liegt“, also die „Reformbremsen“.

Jener Teil der Proteststudis, der bereits 2003 bei den Studierendenprotesten gegen die Einführung der Langzeitgebühren in Frankfurt zusammen mit dem DGB „Wir sind das Volk“ skandiert hat, wird das für allemal anschlußfähiger empfinden, als die stellenweise in den Resolutionen der Vollversammlungen vor einem Jahr formulierten radikalen Kritiken am Bestehenden (zu aktuellen Frankfurter Protestparolen siehe hier). Das Festhalten an einem humanistischen Bildungsbegriff als uneingelöstes Individuationsversprechen der bürgerlichen Gesellschaft, erscheint aus Perspektive des halbgebildeten Bedürfnisses nun – nach Merkels Ausrufung der Bildungsrepublik Deutschland – noch eine Stufe Don Quichottistischer, als zu Zeiten Adornos. Trotzdem: