Archiv für Juli 2008

Digitale Unsterblichkeit

Das wurde aber auch Zeit! Der AfE-Turm der Uni Frankfurt hat eine eigene myspace-Seite. Und er hat sogar bereits ein paar Freunde gefunden. Für alle, die mit diesem digitalen Denkmal nichts anfangen können, hier ein kurzes Porträt des als Weltkulturerbe bisher zu unrecht unbemerkt gebliebenen Zeugnisses lieblosen brutalo-Baustils, im Kontext seiner Sozialgeschichte.

Auch wenn die Unileitung alles dafür tut, Alltags-Insurrektionen wie Sprühereien etwa, weitestgehend unsichtbar zu machen, liegen die konkreten Missstände am Turm nach wie vor offen. Das Grundproblem ist die Gebäude-Kapazität, die nicht für drei Fachbereiche ausgelegt ist, sondern wie der Name AfE schon sagt, eben nur „für Erziehungswissenschaften“. Neben den überfüllten Hörsälen, Fahrstuhlwartezeiten usw., was in weiter zurück liegenden Semestern ungleich schlimmer war, sorgt vor allem der Brandschutz immer wieder für Konflikte. Ursprünglich für weniger als die Hälfte der heute am Turm Studierenden konzipiert, zumal in einer Zeit, als die Brandschutzbestimmungen weitaus legerer waren als es heute der Fall ist, wurden seitens der Feuerwehr immer wieder eklatante Mängel festgestellt. seit 1995 war die Universität daher des öfteren in der Pflicht, Nachbesserungen durchführen zu lassen. Einen Evakuierungsplan gibt es allerdings bis heute nicht, weswegen das Risiko eines Seminarbesuchs im Turm letztlich jede und jeder mit sich selbst ausmachen muß. Nach einem tödlichen Unfall vor drei Jahren hatte der Turm dann endgültig seinen Ruf als Horrorgebäude weg:

Ehemalige wie aktuelle Studierende, vor allem Studentinnen, weisen mit Grausen auf die beklemmende Atmosphäre auf den 38 Etagen hin, die Schmierereien an den Wänden, das unerträgliche Wartenmüssen auf einen der sieben Aufzüge, die zu viele Leute transportieren und oft stecken bleiben. Das Gebäude ist für 2500 Nutzer ausgelegt, doch 5000 halten sich darin auf. Entsetzen löste die Nachricht im August 2005 aus, eine 52-jährige Sekretärin sei beim Versuch, aus einem zwischen zwei Etagen feststeckenden Fahrstuhl zu klettern, in den Fahrstuhlschacht gefallen und gestorben (Alptraum in Beton, FR 24.06.06).

So berechtigt der zum Gruseln animierende Tenor dieses Artikels auch ist, so wenig wird er den sich um den omnipräsenten Phallus des Campus Bockenheim rankenden Mythen, die er aufzurufen sucht (der Artikel – nicht der Phallus…), gerecht. Es ist dies nur die Spitze einer über zwei Jahrzehnte andauernden Geschichte von Zumutungen, mit denen eine ebenso lange Geschichte von Auseinandersetzungen, zwecks Schaffung von Abhilfe verbunden ist. Untrennbar mit dem Gebäude verknüpft ist seine Sozialgeschichte, aufgrund derer viele statt bloßer Ablehnung doch eher eine ambivalente Gefühlsbindung zum Turm haben.

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