Archiv für August 2008

Wer Sorgen hat, hat auch Liqueur!

So unbequem kam die Nachttanzdemo in Frankfurt vielleicht noch nie daher, wird sie dieses mal doch in der Nacht vom 2.ten auf den 3.ten Oktober, dem Tag der deutschen Annexion der DDR stattfinden. Der Aufruf unter dem Motto,

„DEUTSCHLAND DEN SCHLAF RAUBEN!
DIE VERHÄLTNISSE ZUM TANZEN BRINGEN!
Strassen zu Tanzflächen, Freirräume statt nationaler Euphorie. […]
Ich will meine Stadt, meine Styles, meine Drogen und meine Sexualität! Tausend Tanzflächen überall und zu jeder Zeit!“

klingt schonmal ziemlich vielversprechend. Bei diesem Motto wird wohl auch (hoffentlich) kaum zu erwarten sein, dass sich die berüchtigte AU-Veranstaltungsgruppe wieder als Unterstützerin beteiligt, wie es letztes Jahr der Fall war.

Einredbare Krankheiten: Korsakow-Syndrom

„Das Korsakow-Syndrom (amnestisches Psychosyndrom) ist eine zuerst bei Alkoholikern beschriebene Form der Amnesie (Gedächtnisstörung). Eine erste detaillierte Beschreibung wurde 1880 vom russischen Neurologen Sergei Korsakow (1854–1900) veröffentlicht.“

„Im Vordergrund des […] Syndroms stehen Störungen des Gedächtnisses, im medizinischen Sprachgebrauch als Amnesien bezeichnet. Dabei kommt sowohl das Vergessen alter Gedächtnisinhalte (retrograde Amnesie) als auch die Unfähigkeit sich neu Erlebtes zu merken (Anterograde Amnesie) vor.“

„Des Weiteren verdecken die Patienten unbewusst oft ihre Erinnerungslücken an jetzige Ereignisse mit alten Erinnerungen. Selten werden die Erinnerungslücken auch mit reinen Phantasieinhalten ausgefüllt. Dies wird im medizinischen Sprachgebrauch als Konfabulation bezeichnet.“

„Das Korsakow-Syndrom wurde zuerst bei chronischen Alkoholikern beschrieben. Es wurden aber auch bei vielen weiteren Hirnschädigungen korsakow-ähnliche Befunde beobachtet: Schädel-Hirn-Trauma, bestimmte Hirnblutungen (Aneurysma der Arteria communicans anterior) und weiteren Schädigungen des vorderen limbischen Systems, insbesondere des hinteren orbitofrontalen Kortex.“

Will heissen: Wer sich im Suff übel den Kopf anschlägt, den Ärzten in der Notaufnahme dann eine frei erfundene Geschichte darüber auftischt, wie es dazu kam, tatsächlich aber auch selbst daran glaubt, ist auf dem besten Weg in Korsakows Arme.

Rezension: Batman – The Dark Knight

So kaputt wurde der Joker noch nie inszeniert! Joker will die Welt ins Chaos stürzen, denn: „Chaos ist fair!“ Doch erscheint diese letztlich sozialdarwinistische Ausrichtung gebrochen, kommt der Joker doch als looser und freak daher, der sich selbst als von der Gesellschaft ausgegrenzt erkennt. Ein nervöser Psychopath, verwahrlost und mit einer extrem sadistischen Fixierung auf Messer gesegnet. Hätte für meinen Geschmack ruhig noch eine Spur sadistischer inszeniert werden können, aber ich will nicht klagen. Die Art, wie er die eigene Ausgestossenheit aus der Gesellschaft zelebriert, entschädigt dafür. Vom Rande der Gesellschaft hat er den besten Blick auf sie, und so treibt er Psychospielchen mit seinen Opfern, die sie in Konflikt mit der bürgerlichen Moral bringen. Konflikte, die der Joker längst verloren hat, woraus er in performativ gebrochenem Nietzscheanismus keinen Hehl macht.

Sein Grinsen etwa, wird im Film als tiefe Narben von Schnittverletzungen dargestellt, deren eigentlicher Ursprung allerdings ein Geheimnis bleibt. Stattdessen erfindet der Joker bei seinen Heimsuchungen gesellschaftlicher Versammlungen, in denen sich das Bürgertum von seiner Erscheinung extrem abgestossen fühlt, genüsslich entsetzliche Geschichten, wie es zu den Narben im Gesicht (und seiner Psyche) kam. Auf einer cocktailparty behauptet er, einst hätte ihm sein Vater im Suff mit dem Messer „ein Lächeln aufs Gesicht zaubern“ wollen. An anderer Stelle gibt er eine nicht weniger tragische Anekdote zum besten: Er wollte seiner von Gangstern im Gesicht grausam entstellten Ehefrau verzweifelt seine ungebrochene Liebe beweisen, indem er sich selbst vor ihren Augen entsprechend entstellte; sie habe ihn deswegen verlassen…

Der Joker empfindet Freude daran, sich öffentlich so kaputt und moralisch abstossend wie nur möglich zu inszenieren, damit die Gesellschaft umso härter nach ihm trete. Er weidet sich geradezu an dem ihm entgegen gebrachten Ekel. Gleichzeitig versucht er die Welt nach seinem Gusto ins Chaos zu stürzen, was in seiner Trotzigkeit auf das verzweifelte Naturrecht Sades verweist. Leidenschaftlich hasst er die Welt für das, was er in ihr ist; doch gerade daraus schöpft er Lustgewinn.


Ich sage: Scheisse man, das ist echt krank – Respekt!

Batman hingegen wurde unwillentlich als Arschloch dargestellt. Denn da seine eigentliche Motivation – unbändige Rachegelüste aufgrund der Ermordung seiner Eltern durch Kleinkriminelle – nicht entwickelt wird, erscheint er letztlich als snobistischer Milliardär, der als paramilitärische Einmannarmee seinen Besitz gegen die verelendeten Massen von Gotham City verteidigt. Dass der Snobismus eigentlich ein aufgesetzter ist, zur Tarnung seiner Doppelidentität, kann höchstens mit viel gutem Willen in den Film hineininterpretiert werden. Allerdings muß man der fairness halber einräumen, dass „the beginning“ und „the black knight“ schwerlich getrennt voneinander interpretiert werden können. Und die Pathogenese von Batmans vespertilio-zentrischem (hehe) Streben nach Selbstjustiz wurde im ersten Film ausführlich entwickelt. Aus dieser Perspektive erscheint der Joker dann als alter ego Batmans. Beides sind Charaktere, deren zwanghaftes Handeln auf ein Kindheitstrauma zurückgeht, der eine tut zwanghaft gutes, der andere tut es zwanghaft nicht. Die Dialektik des Ichs, wie man sie langweiligerweise aus so vielen Geschichten heraus lesen kann. Von Sades imaginiertem Geschwisterpaar Justine und Juliette über George Lukas zwischen heller und dunkler Seite der Macht hin und her gerissenen Zwillingen Luke und Lea, bis hin zum inneren Konflikt von Tolkiens Ex-Auenlandspiessern Frodo und Gollum mit dem Meisterring aus dem Schattenreich Mordor. Aber so funktionieren Märchen eben oft und Christopher Nolans Lesart von Batman scheint hier keine Ausnahme zu sein.

Subjektiv betrachtet tut Batman also gutes. Er kämpft gegen das organisierte Verbrechen, gegen korrupte Bullen, gegen die sich ausbreitende Herrschaft der rackets in Gotham City. Objektiv gesehen ist Batman allerdings nicht weniger ein Gesetzloser als Joker, letzterer versucht sich daher, natürlich vergeblich, in Bündnisarbeit: „Weißt du, für die bist du nur ein Freak. Wie ich!” Die Fackel der Aufklärung hält auch garnicht Batman, sondern der Bezirksstaatsanwalt Harvey Dent in Händen. Allerdings verbrennt er sich daran (entgegen dem Original, wo er im Gerichtssaal vom Mafiaboss Salvatore Maroni durch ein Säureattentat entstellt wurde…), um im folgenden als Twoface über die Orientierung seines Handelns an Aufklärung oder Barbarei, per Münzwurf das Glück entscheiden zu lassen. Erfreulich, dass der schizophrene Charakter Twoface endlich die cineastische Würdigung erfahren hat, die ihm bisher zu unrecht versagt wurde. Auch wenn „Batman – the dark knight“ gerade zum Ende hin seine Längen hat: Die Darstellung der einzig wirklich coolen Charaktere, die DC-comics jemals entwickelt hat – Joker und Twoface – machen den Streifen ziemlich sehenswert. Achja: Und der kleinbürgerliche Polizeichef Jim Gordon nervt.

bash vs. staat: der ball ist auf der linie

der schlechtwettersommer neigt sich dem ende zu und neu entfachte liniendebatten lenken vom noch schlechter werdenden wetter ab. gescheit wäre, wie dieser unlängst gegen die neocons way und wirner adornierte,

„zu erkennen, dass staat nicht gleich staat ist und die liberale bürgerliche gesellschaft verteidigt werden muss – ohne darum auszublenden, dass diese gesellschaft nicht nur ihre versprechen nicht erfüllen kann, sondern sich in der krise selbst ad absurdum zu führen droht.“

das bash-bündnis hat mit seinen „thesen gegen den staat“ nun gezeigt, wie das paradox zu produzieren ist, ein festhalten am nichteingelösten individuationsversprechen der aufklärung (siehe antideutscher kommunismus) mit zur schau gestelltem massenfetisch (siehe traditionslinke) und konstruktivem mitmachen (siehe neocons) aus einem hut zu zaubern. hört sich verlockend an, könnten sich dann doch endlich wieder alle vertragen und gemeinsam an einem strang ziehen für – ja wofür eigentlich?

das uneingelöste versprechen der aufklärung bzgl. individuation – verschiedenheit ohne angst – wird in den bash-thesen ausschließlich auf der politischen sphäre verhandelt, als kritik an der politischen freiheit, die nicht die menschliche ist. nunja, schließlich richten sich die thesen auch gegen den staat. dem privaten selbst allerdings wird – wie man aus früheren texten weiß – ausschließlich über die kategorie des bedürfnisses beachtung geschenkt, wodurch es dann doch wieder nur auf politisch-ökonomischer ebene verhandelt wird; als gegensatz von notwendigen und luxusbedürfnissen nämlich. für die kritik an einer gesellschaft, die „anstatt rationale [!] interessen und allen voran das der erhaltung des eigenen lebens zu verfolgen, sich der katastrophenpolitik“ tendenziell überantwortet (zitatnachweis verheimlicht), ist innerhalb des vorgegebenen theorierahmens kein raum. „die massen ließen kaum von plumper und augenzwinkernd unwahrer propaganda sich einfangen, wenn nicht in ihnen selbst etwas den botschaften vom opfer und vom gefährlichen leben entgegenkäme“ (auch ein geheimnis). die theorielinie des bash jedoch ist nicht zum begreifen, sondern zum praktizieren von propaganda entwickelt worden. konsequenterweise ist der bezug auf adorno, den der bash-text an einer stelle nimmt, auch ein ausschließlich nomineller, von jeglichem inhalt abgelöst. er dient einzig der pflasterung des eigenen weges in die politikberatung mit gutem gewissen.

Denn dieser weg ist es, der – zumindest theoretisch – längst eingeschlagen wurde, in dem man sich ein theoretisches welterklärungsmodell erpuzzelt hat, dass ausschließlich die (eigene) ratio gelten läßt. das repititive einfordern des kommunismus, unter begrifflicher verunmöglichung eines bezugs auf die eigenen träume und verborgenen wünsche, dem eigenen leiden und der eigenen perversion wird irgendwann langweilig werden. von da aus ist es dann nur noch ein kleiner schritt, um im fdog-stil die hoffnung gleich ganz zu begraben und sich fukuyamaapologetisch dem spätbürgertum an den hals zu schmeissen. das hintertürchen zum erwachsen werden wird sich in der staatskritik offen gehalten:

„Die grundsätzliche, antistaatliche Orientierung bedarf der den aktuellen Verhältnissen angepassten [!] Strategie für ein umfassendes Dagegen-Sein.“

wohl denen, die sich diesen luxus leisten können. die entsprechenden connections jedenfalls werden dann schon vorhanden sein. schließlich hat man immer darauf wert gelegt, es möglichst allen recht zu machen. das bash-bündnis/[f], soviel hat sich für mich wieder mal herausgestellt, ist theoretisch so greifbar wie ein an die wand genagelter pudding. umso dankenswerter ist es, dass eine gruppe die sich die „waffe der kritik“ auf die fahne geschrieben hat, die „thesen gegen den staat“ theoretisch ernst nimmt und mit bezug auf die ins feld geführte marxsche staatskritik selbst, auf ihre konsistenz hin abklopft. appetizer:

„Die akademisch geschulten Staatsexperten konfundieren die einfachsten Bestimmungen des Staates. Für die richtige Bezeichnung des Staats als »Staat des Kapitals« bringen sie die falsche Begründung, nämlich sein Gewaltmonopol zur Aufrechterhaltung »der kapitalistischen Eigentumsordnung« vor. Diese Bestimmung reicht jedoch nicht aus, um ihn zum Staat des Kapitals zu machen, denn so stünde er noch äußerlich als Mittel zum Kapital. Die Argumentation, die begründen sollte, dass der Staat notwendig der des Kapitals ist, beweist das genaue Gegenteil, nämlich, dass der Staat, eben nicht zwingend der »Staat des Kapitals« sein muss. Wäre der Staat aber nur ein bloßes Mittel, könnte es nämlich auch den »guten«, »linken« Staat geben.“

„Die Kommunismus-Karikatur des BASH hat also nichts mehr mit einer Revolution der Produktionsverhältnisse und davon ausgehend einer totalen Revolution aller damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu tun. Dies deshalb, weil das BASH den Staatsfetisch nicht auflösen kann, d.h. Gewalt und Zwang nicht als primär durch das Kapitalverhältnis gesetzt begreift. Der »Kommunismus« des BASH wäre in der Konsequenz also nichts als die Abwesenheit des Staats und des »bürgerlichen [sic!] Rechtes«, da die universitären Rechtsberater des BASH wohl noch ein Rechtsprodukt für den Markt nach dem bürgerlichen Recht reserviert haben.“

Häuserkampf mit Jutta Ebeling – Varrentrappstrasse bleibt!

Im Mai diesen Jahres sandte die Grüne Bürgermeisterin und Schuldezernentin der Stadt Frankfurt und ausserdem engagierte Kritikerin des 68er Mackertums und Adornoverehrerin Jutta Ebeling, in einem TV-talk mit Esther Schapira eine nostalgiefarbene, ja geradezu aufrührerische Botschaft an die Jugend von heute:

„Ich bin glücklich und geradezu dankbar, dass ich in einer Zeit groß geworden bin, wo man einmal in seinem Leben das Gefühl hatte, man könnte die Welt aus den Angeln heben. Ich würde das jedem jungen Menschen heute auch wünschen, dass er einmal so ein Gefühl haben könnte.“

Vergangenes Wochenende wurde in Bockenheim vielleicht nicht unbedingt die Welt aus den Angeln gehoben, aber immerhin schon mal ein Türschloß. Das ehemalige JUZ in der Varrentrappstraße wurde, bzw. wird momentan endlich wieder als Jugend- und Kulturzentrum nutzbar gemacht. In den bisherigen Verhandlungen stellte Michael Damian, Referent von Jutta Ebeling, eine eventuelle Duldung bis zum 1.1. oder dem 15.1.2009, sowie ein Gespräch mit Schuldezernentin Jutta Ebeling höchstselbst in Aussicht. Lassen wir besagte gern in revolutionärer Nostalgie schwelgende Jutta Ebeling noch einmal zu Wort kommen, bzgl. der Frage, was sie selbst vordringlich „mit 68 verbindet“:

„Es war eine Zeit […] großer Hoffnung und viel Solidarität und Vergnügen miteinander. Das ist das vordringliche an was ich mich erinnere.“

Beste Aussichten möchte man meinen, mit Jutta Ebeling als Verhandlungspartnerin. Doch insbesondere was Solidarität angeht, vermittelt sich bei genauerem Hinsehen eher der Eindruck, die Grünen-Bürgermeisterin könne sich daran nicht mehr so recht erinnern?! Sonst hätte sie nämlich wohl kaum Strafanzeige gegen die Besetzerinnen gestellt, bzw. hätte diese längst zurück gezogen. Jochen Meurers von der „Lobby für Wohnsitzlose und Arme e.V.“ bemerkt dazu in einem Leserbrief in der FR von heute:

„Sich selbst für Hausbesetzungen und Straßenschlachten feiern lassen, aber junge Menschen, die friedlich vom Besetzen Gebrauch machen, mit Räumung und Strafanzeige kriminalisieren. Ein weiter Weg ist das liebe Jutta Ebeling.“

Also: Hin da, mitmachen und Jutta Ebeling zeigen was Solidarität ist! Infos und Pressespiegel gibt es hier.


Foto: Diskussion zum Thema „68 und die Frauen“ im Mai 2008 in Frankfurt am Main. Von links nach rechts (sic!): Daniel Cohn-Bendit, Sibylla Flügge, Ulrike Holler, Christina Thürmer-Rohr, Jutta Ebeling und Joscha Schmierer