Archiv für September 2008

Was ist das für eine scheiss bourgeoise Fragestellung?

„Der Baader-Meinhof-Komplex“ hat mir gestern zu erklären versucht, wie die Bonner Republik erwachsen geworden sei. Zunächst gab es dazu, quasi als Appetizer, den Trailer zu Valkyrie, der Streifen in dem Tom Cruise, „der Goebbels der Scientologen“ (Guido Knopp), den Stauffenberg spielt. Nach einem Meer aus Hakenkreuzfahnen und einem subversiven Tom Cruise mit charakteristischer Augenklappe, kommt ohne jeden Pathos die vielleicht wichtigste Information des Abends: „Von den Machern von X-Men!“ Dann geht das Spektakel richtig los, in der Hauptrolle Hitler als Terroristenjäger Horst Herold. Ich hätte darauf vorbereitet sein müssen, dass Bruno Ganz mittlerweile ein neues Image trägt, hat er doch im Spiegel den üblichen 68er-fame für „mehr Gewalt als ein paar fliegende Steine kam nicht in Frage“ kassiert. Aber diese Assoziation war den ganzen Film über nicht abzuschütteln. Bruno Ganz mit seinem leichten Buckel, wie er da dozierend im BKA-Büro auf und ab stolziert, an einer Stelle hat seine Stimme sogar etwas schnarrendes. Oder habe ich mir das nur eingebildet? Jedenfalls sorgt sich der BKA-Mann ebenso liebevoll um den bürgerlich-demokratischen Rechtsstaat wie vorher um Eva Braun und Blondi. Hitler rettet die Demokratie vor den RAF-Nazis, behauptet die Assoziation. Schon krass, aber wirkt die meiste Zeit auch ziemlich authentisch.

Ich war auf Reaktionen von Kinobesuchern eingestellt, die sich während oder nach dem Film zu einem bedeutungsvollen „Scheisse man, so wars damals!“ hinreissen lassen würden, aber nichts dergleichen war zu bemerken. Eher schon Partystimmung. Für mit deutschem Ernst zu betreibende Geschichtsaufarbeitung wirkt der mit Pathos und Moral geradezu überfrachtete Film stellenweise einfach zu komisch und ist ausserdem zu sehr ein Actionkrimi, als dass das deutsche Genre des Pseudodokumentarfilms wirklich funktionieren würde. Ist bei der RAF ja auch nicht zwingend Vorschrift, Spaßrezeptionen à la Prada-Meinhof etwa sind ja ebenfalls erlaubt; Eichinger versucht es jedoch eindeutig über die Moralschiene. Entsprechend klassisch ausdifferenziert sind die weiblichen Rollen mit Ulrike Meinhof als Maria, Gudrun Ensslin als kommunistisches Flintenweib und Brigitte Mohnhaupt als personifizierter Wahrheitsanspruch des gesamten Films. Die männlichen (Neben-)rollen nerven noch mehr.

Insgesamt hat der Streifen auch noch eine ungewollt punkrockige Note, schließlich bemerkten schon WIZO: „Was früher die GeStaPo war, ist heut das BKA!“ Dieses Paradigma war ja üblich einst. „Polizei SA,SS, GSG9 und BGS“, fällt mir da auch noch zu ein. So hat dann Eichinger mit der Besetzung der Rolle des Horst Herold durch Hitler, der RAF-Linie sowie dem ganzen verbal daran orientierten Brunnenpunker-Elend ein ungewolltes Zugeständnis gemacht. Die Ereiferung am Detail kann man angesichts dieses Punkrevivals jedenfalls getrost der Jungen Welt und Gremliza überlassen.

Fassbinder am Main

Gestern, Dienstag Abend. Ich sitze mit einem guten Freund am Mainufer auf einer Bank. Es wird später, aus einem Bier werden zwei, wir reden über ziemlich ernstes Zeug, schweigen hin und wieder, schauen dem Fluß beim fliessen zu. Ein Typ mit etwas angeranzter Regenjacke spaziert in unserer Richtung den Weg entlang. Seine Erscheinung geht gerade noch als gepflegt durch, er hat die besten Jahre vor kurzem erst hinter sich gelassen und ein Handy am Ohr. Mit den Worten: „Bleiben sie doch bitte einen Moment dran, ich schnorr’ mir grad mal ne Zigarette“, unterbricht er unser Gespräch, fragt ob er sich eine drehen darf. Filter will er nicht, denn wenn er mal rauche, dann schon auch ohne. Dann bittet er, ob wir sein Handy mal kurz halten können, damit er die Hände zum Drehen frei hat. Auch den Gefallen tun wir ihm. Während er dann recht umständlich mit dem Tabak am rummachen ist, legt sein Gesprächspartner irgendwann auf. Der Typ in der Regenjacke merkt das nicht aber wir, weil wir ja sein Telefon noch für ihn halten. Die Nummer ist eingespeichert, er wählt sie offenbar öfters, „Telefonseelsorge“ steht da. Schließlich nimmt er sein Handy wieder an sich, wir verabschieden uns und er spaziert rauchend weiter. Ich hab dann noch ne Weile auf den Main geschaut, ernstes Zeug geredet und mich besser gefühlt als vorher.

Batman – The Dark Child (zweiter Versuch)

Kaum ein Film hat in letzter Zeit dermaßen Kontroverse Diskussionen angeregt. Dies ist nicht verwunderlich, bietet Batman doch ein Panorama gesellschaftskritischer Implikationen, in dem jede und jeder die eine oder andere Momentaufnahme für sich entdecken kann. Vor dem Hintergrund der von der Weltwirtschaftskrise geschüttelten, in Korruption und Rücksichtslosigkeit, in die Barbarei abrutschenden Millionenstadt Gotham-City, eröffnen sich m.E. zwei Grundlegende Interpretationslinien, die notwendig einander wie sich selbst widersprechen. Zum einen wäre da Batman als Repräsentant des war against terror, als eine Seite eines behaupteten gut-böse-„clash-of-cultures“-Dualismus. Diese Darstellung ist gebrochen, stellt gleichzeitig eine Kritik daran dar. Das von Fox so verurteilte UMTS-Panoptikum funktioniert nicht richtig, bei seinem Einsatz zum Ende des Films fällt es aus und Batman unterliegt diese Runde im Kampf gegen den Joker. Die gläsern gemachte Welt stellt Batman also ein Bein, so wie der neue google-browser es mit einem vor hat. Weiter: Während die high-society an der staatlichen Gewaltenteilung und seinem Gewaltmonopol auf cocktailparties diskursiv festhält, die Korruption ebenso verurteilt wie die Selbstjustiz, entlarvt sie sich auf den Fähren als misstrauisch gegen sich selbst und daher zum Mord bereit, ein Akt der nur durch das beherzte Eingreifen eines verurteilten Schwerverbrechers verhindert werden kann. Die Oberfläche des ungescholtenen Bürgers offenbart so einen nicht weniger tiefen Abgrund wie er bei den verelendeten Massen von Gotham zum Ausdruck kommt, nachdem Joker über CNN öffentlich zum Mord an der Anwaltspetze aufgerufen hat.

Der zweite Erklärungsansatz ist, den im Bürgertum dargestellten gut-böse Dualismus zusätzlich als ausdifferenziert in Batman und Joker zu sehen. Hätte Batman verhindert, dass das Symbol der Hoffnung von Gotham zerstört worden wäre, es hätte ihm nicht länger bedurft. Mit Dent hätte das gute im Bürger gesiegt, die Dialektik der Aufklärung wäre aufgehoben worden. Doch, so könnte man den Film als ideologisch entlarven, das gute konnte gar nicht siegen, weil mit dem Spätbürgertum eben das Ende der Gesellschaft erreicht sei, der Kampf des Black Knights doch nur derjenige Bushs gegen den Terrorismus sein kann. Wie auch immer, für Joker jedenfalls war „Gothams White Knight“, der Staatsanwalt Harvey Dent, zu gut für die Welt. Er hat ihn deshalb notwendig „auf das Niveau von uns normalen“ herunter geholt. Der Antritt Harvey Dents wäre eine Metapher für die Entscheidung der Menschheit gewesen, ihre Vorgeschichte zu beenden und endlich die Geschichte selbst in die Hand zu nehmen, die Verwirklichung des White Knights hätte den Kampf des Einmannrackets Black Knight gegen die negative Aufhebung der Krise obsolet gemacht. Soweit die These, der allerdings eine war-against-terror-Lesart widerspricht, nach der nämlich die Bürger aus Angst vor Gewaltverbrechen nach einer starken Hand rufen, den unbeugsamen Staatsanwalt in einem erdrutschartigen Wahlsieg an die Macht bringen, sein Tod nur eine weitere Begründung für die harte law-and-order-linie darstellt. Beide Interpretationsansätze lassen sich gegeneinander diskutieren, entscheiden will bzw. kann sich der Film aber nicht. Die eine Perspektive lässt die andere logisch nicht zu, und doch bestehen sie nebeneinander. Letztlich lässt sich der Film nicht abschließend interpretieren, aber trefflich darüber streiten.

Um die Idee von menschlicher Freiheit unter der ideologischen Oberfläche des Films auszugraben, müssen die widerstreitenden Pole, Joker und Batman genauer betrachtet, deren innere Krisenhaftigkeit im Kontext der ökonomischen Krise interpretiert werden. Eine Entwicklung beider Charaktere als Dialektik des Ichs habe ich bereits hier skizziert, das soll nun weitergedacht werden.
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