Batman – The Dark Child (zweiter Versuch)

Kaum ein Film hat in letzter Zeit dermaßen Kontroverse Diskussionen angeregt. Dies ist nicht verwunderlich, bietet Batman doch ein Panorama gesellschaftskritischer Implikationen, in dem jede und jeder die eine oder andere Momentaufnahme für sich entdecken kann. Vor dem Hintergrund der von der Weltwirtschaftskrise geschüttelten, in Korruption und Rücksichtslosigkeit, in die Barbarei abrutschenden Millionenstadt Gotham-City, eröffnen sich m.E. zwei Grundlegende Interpretationslinien, die notwendig einander wie sich selbst widersprechen. Zum einen wäre da Batman als Repräsentant des war against terror, als eine Seite eines behaupteten gut-böse-„clash-of-cultures“-Dualismus. Diese Darstellung ist gebrochen, stellt gleichzeitig eine Kritik daran dar. Das von Fox so verurteilte UMTS-Panoptikum funktioniert nicht richtig, bei seinem Einsatz zum Ende des Films fällt es aus und Batman unterliegt diese Runde im Kampf gegen den Joker. Die gläsern gemachte Welt stellt Batman also ein Bein, so wie der neue google-browser es mit einem vor hat. Weiter: Während die high-society an der staatlichen Gewaltenteilung und seinem Gewaltmonopol auf cocktailparties diskursiv festhält, die Korruption ebenso verurteilt wie die Selbstjustiz, entlarvt sie sich auf den Fähren als misstrauisch gegen sich selbst und daher zum Mord bereit, ein Akt der nur durch das beherzte Eingreifen eines verurteilten Schwerverbrechers verhindert werden kann. Die Oberfläche des ungescholtenen Bürgers offenbart so einen nicht weniger tiefen Abgrund wie er bei den verelendeten Massen von Gotham zum Ausdruck kommt, nachdem Joker über CNN öffentlich zum Mord an der Anwaltspetze aufgerufen hat.

Der zweite Erklärungsansatz ist, den im Bürgertum dargestellten gut-böse Dualismus zusätzlich als ausdifferenziert in Batman und Joker zu sehen. Hätte Batman verhindert, dass das Symbol der Hoffnung von Gotham zerstört worden wäre, es hätte ihm nicht länger bedurft. Mit Dent hätte das gute im Bürger gesiegt, die Dialektik der Aufklärung wäre aufgehoben worden. Doch, so könnte man den Film als ideologisch entlarven, das gute konnte gar nicht siegen, weil mit dem Spätbürgertum eben das Ende der Gesellschaft erreicht sei, der Kampf des Black Knights doch nur derjenige Bushs gegen den Terrorismus sein kann. Wie auch immer, für Joker jedenfalls war „Gothams White Knight“, der Staatsanwalt Harvey Dent, zu gut für die Welt. Er hat ihn deshalb notwendig „auf das Niveau von uns normalen“ herunter geholt. Der Antritt Harvey Dents wäre eine Metapher für die Entscheidung der Menschheit gewesen, ihre Vorgeschichte zu beenden und endlich die Geschichte selbst in die Hand zu nehmen, die Verwirklichung des White Knights hätte den Kampf des Einmannrackets Black Knight gegen die negative Aufhebung der Krise obsolet gemacht. Soweit die These, der allerdings eine war-against-terror-Lesart widerspricht, nach der nämlich die Bürger aus Angst vor Gewaltverbrechen nach einer starken Hand rufen, den unbeugsamen Staatsanwalt in einem erdrutschartigen Wahlsieg an die Macht bringen, sein Tod nur eine weitere Begründung für die harte law-and-order-linie darstellt. Beide Interpretationsansätze lassen sich gegeneinander diskutieren, entscheiden will bzw. kann sich der Film aber nicht. Die eine Perspektive lässt die andere logisch nicht zu, und doch bestehen sie nebeneinander. Letztlich lässt sich der Film nicht abschließend interpretieren, aber trefflich darüber streiten.

Um die Idee von menschlicher Freiheit unter der ideologischen Oberfläche des Films auszugraben, müssen die widerstreitenden Pole, Joker und Batman genauer betrachtet, deren innere Krisenhaftigkeit im Kontext der ökonomischen Krise interpretiert werden. Eine Entwicklung beider Charaktere als Dialektik des Ichs habe ich bereits hier skizziert, das soll nun weitergedacht werden.

I. Classless versucht, Charaktere und Krise zusammenzudenken und bemerkt:

„Doppelgesicht Dents Propagierung des zufälligen Glücks oder des glücklichen Zufalls als Richter charakterisiert den kapitalistischen Normalzustand oder, wenn man so will, seine Dauerkrise.“

Da würde ich zunächst mitgehen. In Twoface sind die widerstreitenden Pole Batman und Joker als Dialektik der Aufklärung vermittelt, er repräsentiert den kapitalistischen „Normalzustand oder, wenn man so will, seine Dauerkrise.“ (sehr erhellend fand ich zudem die Argumentationslinie über den asymmetrischen Konflikt). Die Normalität lässt sich allerdings nicht bei Bruce Wayne verorten, Batman lässt sich nicht entsprechend als das „wandelnde gute Gewissen des […] authentischen Musterkapitalisten Bruce Wayne“ interpretieren. Denn ganz im Gegenteil hat Wayne ja alle geschäftlichen Verpflichtungen seiner Passion Batman, weitest möglich untergeordnet. Wayne und Batman sind also eines Sinnes (im Gegensatz zum effizienzbesessenen Norman Osborn etwa, dessen schlechtes Gewissen der Kobold ist. Aber das ist ein anderes Superheldenuniversum…). Der Wahnsinn, die Krisenhaftigkeit des Kapitalverhältnisses, mit dessen Tendenz zur Katastrophenpolitik statt Verfolgung rationaler Interessen, steht ganz offensichtlich nicht nur dem Joker, sondern auch Batman ins Gesicht geschrieben. Schließlich läuft Wayne Nacht für Nacht in einem Fledermauskostüm durch die Stadt, strukturiert seinen ganzen Alltag danach entsprechend, anstatt das finanzielle Erbe seiner Eltern einfach in der Karibik zu verjubeln?! Auf das irrationale, infantile in Batmans Handeln, weißt classless auch selbst hin:

„In Batman begins spielte er die Feuerwehr von Babylon und bewahrte Gotham City vor der Zerstörung durch einen Geheimorden, der die Metropole für unrettbar verkommen hielt.Doch auch nachdem die League of Shadows als Urheber der Weltwirtschaftskrise und der ihr folgenden Verbrechenskonjunktur ausgeschaltet ist, will der Kapitalismus partout nicht dem Bild entsprechen, das Wayne von ihm hat. Immer wieder tauchen Kriminelle auf, ja, je entschlossener er gegen sie vorgeht, desto vehementer und unkontrollierbarer scheinen sie zu werden.“

Doch ist die League of Shadows m.E. nicht für die Wirtschaftskrise verantwortlich, sondern will die Krise negativ aufheben. Sie will die Stadt nierderbrennen, weil Gotham ein einziges Sodom und Gomorrha, „the heart of the criminal“ ist, das nur durch einen solchen biblischen Akt der Reinigung auf den Pfad der Tugend zurückgeführt werden kann. Es ist daher m.E. zu kurz gegriffen, Batman als die Normalität, die shadowleague als Krise zu interpretieren. Bzw.: Klar kann der Film auch auf diese Weise funktionieren, die hier verfolgte Linie geht aber in eine andere Richtung: Die Shadowleague schlägt ein (negatives) Krisenlösungsmodell innerhalb des Bestehenden vor, Batman hingegen eins dass die Krise positiv aufheben würde. Würde man die Handlung nicht aus Perspektive der kulturellen Moral, sondern aus der des Jokers aufrollen, so müsste Batmans „Macht“ auch als ebenso „gespenstisch inszeniert“ werden, weil eben BEIDE Charaktere hinter dem Rücken der Gesellschaft agieren. Es sind in Harvey Dent dialektisch vermittelte Pole, nur Dent steht sichtbar in der Öffentlichkeit, im bürgerlichen Bewußtsein. Die Opferung Dents durch den Joker, auf die nichtidentisches hingewiesen hat, ist daher notwendig auch die Selbstopferung Batmans aufgrund der dunklen Seite von Twoface.

Dass der Film wie eben behauptet, aus Perspektive der bürgerlichen Moral erzählt wird, daran lassen Batman und Joker keinen Zweifel. Joker, die personifizierte Raserei, weiß, das er und Batman eine Einheit bilden, dass Batman sein Bestreben unterdrückt, es aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit herauszensiert. Joker nimmt es mit Humor: “Was würde ich denn ohne Dich machen, Du machst mich erst vollkommen!“ Batman leugnet diese Verbindung notwendig, er ist der moralische Zensor, der die gesellschaftliche Tendenz zur Katastrophenpolitik verbieten will, was ihm als Batman doch nie gelingen wird. Doch auch wenn der Kampf zwischen Batman und Joker hinter dem Rücken der Gesellschaft abläuft, so bleibt dieser dem gesellschaftlichen Bewusstsein doch nicht ganz verborgen, zu sehr wird es davon gebeutelt.

II. Die These einer Verortbarkeit der Dialektik des Ichs in Batman und Joker, wird gestützt durch die individuelle Leidensgeschichte beider, die sich bei näherer Betrachtung als ebenso gegensätzlich darstellen, wie der imaginäre Zwilling insgesamt. Der Sadismus des Jokers ist die offen destruktive Reaktion auf eine traumatische Erfahrung in seiner Kindheit. Er läuft Amok gegen die für ihn nicht aushaltbare Normalität. Dafür kann man insofern Mitgefühl aufbringen, als dass die Normalität es war die ihn zu etwas gemacht hat, was mit ihrem Selbstverständnis nicht identisch ist. Jedenfalls scheint sein Wahnsinn ja nicht auf ein Säurebad, sondern seinen Vater zurückzugehen („I hate my father!“).

Der vom halbgebildeten Bedürfnis getriebene Kinogänger, kann über den Antiheld Joker so seine kulturfeindliche Zerstörungswut abreagieren, allerdings nur in dem Maße, wie Batman gleichzeitig als Ablassbrief funktioniert, mit dem sich ebenfalls identifiziert wird. Eine Situation abgesicherten Aus-dem-Fenster-lehnens, eben so wie der „White Knight“ als das Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft nur unter dem Deckmatel eines Filmendes aus der Feder Fukuyamas erlaubt ist. Und hier wäre auch die von nichtidentisches aufgemachte Analogie zur Bond-Reihe. Diese findet sich m.E. allerdings nicht in einem angeblichen „Tough baby“-Batman, der dann als Quasibond letztlich eine postforditische Humphrey Boghart-Karrikatur darstellen müßte, sondern im gut-böse-Dualismus, der sich um die Einrichtung der Welt zankt. Die Superschurken der Bondreihe sind wie Joker sehr kreativ darin Ideen zu entwickeln, wie man die Welt besser gestalten könnte. Allerdings muß sie dafür i.d.R. zunächst zerstört und/oder beherrscht werden. Zuverlässig zerschlägt Bond dann diese Angstträume, sie zerplatzen wie Seifenblasen und alles bleibt so langweilig wie immer. Nur in solcherart Abgesichertheit gestattet sich das postfordistische Subjekt die Träumerei von einer besseren Welt, vorgestellt als negative Aufhebung des Kapitals, die dann aber im letzten Moment noch verhindert wird.

Doch muß das Verdrängte nicht zwangsläufig als Racheaffekt gegen die Aussenwelt zurückkehren. Auch Batman hat eine schlimme Kränkung in seiner Kindheit erfahren: Seine Eltern wurden ermordet, sein geliebter Vater hat ihn viel zu früh verlassen, was er ihm nie vollends verziehen konnte. Ganz der Melancholiker fühlt er sich schuldig an dem Tod des Vaters, dessen letzte Worte, „Don’t be afraid!“, ihn in einen unauflösbaren Widerspruch mit dem vorangegangenen Fledermaustrauma bringen. Er ist seitdem ein Getriebener, rastlos auf der Suche nach Sinn in seinem Leben, bis er im Ninjitsukloster eine Verhaltenstherapie macht, lernt, seine Angst in eine Waffe zu verwandeln um sie gegen jene zu richten, deren Skrupellosigkeit den sinnlosen Tod seines Vater forderte. Waynes Angst bleibt, doch hat er ebenso wie Joker einen Umgang mit ihr gefunden. Im Gegensatz zum Joker will er allerdings nicht seine Aussenwelt mit in den Abgrund des Brunnens reissen, sondern nur sich selbst. Das bleibt auch Alfred nicht verborgen, weswegen er Wayne mehrfach sorgenvoll darauf hinweist, dass dieser seine körperlichen Grenzen überschreite. Wayne richtet den Konflikt klassisch neurotisch gegen die eigene Person und unterwirft seinen Alltag dem Wiederholungszwang, durch den er seinen inneren Konflikt doch nie überwinden kann, worauf classless hinweist: „je entschlossener er gegen sie vorgeht, desto vehementer und unkontrollierbarer scheinen sie zu werden.“ Dieser umgekehrte Sadismus führt Batman in seiner Melancholie bis zur identitären Selbstzerstörung, in dem er für die Verbrechen von Twoface den Kopf hinhält.

III. Im Gegensatz zu Joker reflektiert Wayne/Batman allerdings seinen Konflikt und weiß, dass er sich durch Praxis davon emanzipieren kann. Durch das politische Wirken H. Dents nämlich, nach der es eines Batmans gesellschaftlich nicht länger bedürfte, weil auch Joker und mit ihm die Mafia, die Korruption und das ganze verlogene, mordbereite Bürgertum, überwunden werden würden. Sein Psychotherapeut hat ihm dafür das nötige Selbstvertrauen gegeben: „You are stronger than your father!“ So ist auch die offene Verachtung, die Wayne seinen Partygästen im ersten Film entgegenbringt nicht bloß der Not geschuldet, die Party zu beenden, bevor die ganze Gesellschaft von der League of Shadows ermordet wird. Zu spontan lag ihm die Hasstirade gegen die verlogene Doppelgesichtigkeit seines dekadenten Umfelds auf der Zunge, zu ehrlich wirkt seine Verbitterung. Dem notwendig regressiven Individuum, dass seine radikalen Bedürfnisse verdrängen muß um den ganzen Wahnsinn mit ächzen und stöhnen aufrecht zu erhalten, weil dessen radikalen Bedürfnisse doch längst verwirklichbar sind, ist Batman voraus. Er nutzt seinen Konzern nicht zur Ausübung von gesellschaftlicher Macht und/oder zur Schatzbildung, sondern zur individuellen Entfaltung, zum Ausleben seiner Fledermausperversion mittels hightech. Während Joker explizit behauptet, dass er seiner Zeit voraus sei, dies jedoch nicht mehr ist als Sade in den ersten Stunden des Bürgertums, ist Batman mehr. Er ist das Bürgertum das zu sich selbst kommen, erwachsen werden will. Doch steht die Objektivität einstweilen gegen ihn, er scheitert an der Realität, bleibt unter der feudalen Herrschaft seines Vaters geknechtet. Das Bürgertum wünscht zwar, dass der „White Knight“ die Aufgabe des „Black Knight“ übernimmt und wählt ihn entsprechend, aber es ist nicht bereit für ihn, die Bevölkerung gothams will sich nicht selbst emanzipieren sondern jemanden, der diese Arbeit für sie erledigt. Sie trägt daher eine Mitschuld an der Ermordung Dents, da der Großteil die Psychospielchen des Jokers in Form von Massenpanik mitzuspielen bereit ist. Sie sind nicht das Gegenteil des Jokers, sondern er ist ein Teil von ihnen. Der „White Knight“ macht vor dem Hintergrund dieser Entwicklung keinen Sinn mehr, er wird zum realitätsgerechteren Twoface, „auf ein normales Niveau“ herunter geholt. Waynes Triebschicksal nimmt daraufhin mit der einseitigen Auflösung der Identität Batmans in der öffentlichen Wahrnehmung als ein einzig der Verfolgung würdiges Phantom, eine neue Wendung. Joker hat mit der Zerstörung Dents die Hoffnung auf ein Leben in Verschiedenheit ohne Angst im gesellschaftlichen Bewußtsein endgültig enttäuscht, bzw. verschüttet.

In diesem Zuge musste auch Rachel notwendig sterben. Sie liebte Wayne nicht weniger als er sie, doch stand die Passion Batman zwischen ihnen. Diese Zurückweisung konnte Rachel nicht ewig ertragen, sie richtete das geliebte Objekt in sich selbst auf, musste sich daher notwendig in das verlieben was er liebte, die Hoffnung in der Personifikation Harvey Dents. Mit seinem Tod, aus dem letzterer als Twoface wieder aufersteht, hat die innere Logik des Männerfilms keinen Raum mehr für sie. Doch auch wenn Bruce Wayne weiterhin die aus seinem Kindheitstrauma herrührende Angst in nächtlichen hitandrun-Aktionen kompensieren muß, so verweist seine Existenz als Sündenbock, doch immerhin negativ auf das von Harvey Dent nicht eingelöste Wahlversprechen, dem Versprechen der Aufklärung, dass innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft nicht einlösbar ist. Wenn also von etwas eine emanzipatorische Veränderung ausgehen kann, dann von der Fledermaus.

„Manchmal verdienen die Menschen mehr, weil die Wahrheit nicht gut genug ist!“

Joker hingegen steht für einen Stillstand der Subjekt-Objekt-Dialektik. Er ist die unterworfene Natur, die als verdrängte kritikresistent zurückkehrt, je mehr man ihr auch Vernunft einzuprügeln versucht. Darüber ist sich auch der Folterbulle im Knast klar, der seine Sprache spricht:

„Ich kenne den Unterschied zwischen Punks und solchen freaks wie Dir, die es nur geniessen würden […] Dann muß ich es eben noch mehr geniessen.“

In dieser Rolle gleicht Joker nicht nur dem klassischen Bondgegner, sondern auch diversen psychopathischen Serienmördern der Filmgeschichte. Der vom Lynchmob verbrannte Freddy Krueger („Nightmare on Elmstreeet“) etwa, kehrt als verdrängtes pädosexuelles Begehren in den Träumen zurück. Jason Voorhees („Freitag der 13te“) wurde als Kind aufgrund seines deformierten Kopfes von seinen „Spielkameraden“ in einen See gejagt und ist dort ertrunken, er kehrt seit dem zweiten Teil der Filmreihe immer wieder an den Ort seiner Ermordung zurück, um die Normalität der Teenager in Stücke zu hacken. Rob Zombie schlägt für den Familienmörder Michael Myers („Halloween“) eine ähnliche Lesart vor… Eben auf diese Weise hält auch der sardonisch grinsende Joker der Gesellschaft einen Spiegel vor. Wäre Joker nicht zufällig von der Gesellschaft ausgestoßen, er wäre nicht weniger sadistisch, doch könnte er seine dunkle Seite gesellschaftlich konform ausleben und andere zu Jokern, Freddies, Jasons oder Michaels machen, um sie dann dafür zu verfolgen. Er wäre genauso langweilig wie die vom halbgebildeten Bedürfnis getriebenen Kinogänger, die sich an Batmans starker Seite vor ihrem eigenen sadistischen Bedürfnis wohlig gruseln, sich in diesem Sinne der Umkehrung mit dem Masochismus Jokers identifizieren (nichtidentisches), und deshalb wohl schon einem dritten Teil entgegenhoffen.

Batman aber wollte mehr als nur Joker besiegen. Er wollte, dass Harvey Dent einen Batman unnötig macht, dass Joker nie wieder zurückkehren kann, dass der Zweiteiler nicht zu einem Zehnteiler wird, wie es bei all den anderen Serienkillern der Fall war. Oder ist der Satz, „manchmal verdienen die Menschen mehr, weil die Wahrheit nicht gut genug ist“, doch nur eine Anspielung des Regisseurs auf den „war against terror“?

Nachtrag, um Missverständnissen vorzubeugen: Die Argumentation bzgl. einer im Film gezeichneten Dialektik des Ichs, die das halbgebildete Bedürfnis autoritärer Charaktere anspricht, ist der Versuch sich mit Kulturindustrieindustrietheorie an den Film heranzutasten. Die Lesart bzgl. eines Batman, der Solidarität mit der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes betreibt, ist dagegen eher ein Ergebnis freier Assoziation, die nicht entsprechend auf den Film als kulturindustrielles Produkt reflektiert. Beide Linien sind im Text nicht klar geschieden, es ist eher eine Baustelle als befriedigend bearbeitet. Auf den Boden der Tatsachen zurück holt einen schnell das Filmplakat, in dem Batman als stolzer Supersoldat aus der Froschperspektive dargestellt ist, im header die freundliche Einladung zum Massenamok. Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus… Ansonsten siehe dazu auch die Debatte bei nichtidentisches.


9 Antworten auf “Batman – The Dark Child (zweiter Versuch)”


  1. 1 Nichtidentisches 07. September 2008 um 23:36 Uhr

    Hi, zum Text werde ich Dienstag ausführlicher schreiben, nur eine kurze Frage: Wo habe ich nochmal was zu Opfer und Selbstopfer geschrieben? Hatte mir dazu Gedanken gemacht, entsinne mich aber nicht mehr, wo ich solche verschriftlicht hätte.

  2. 2 classless 08. September 2008 um 4:59 Uhr

    „Doch ist die League of Shadows m.E. nicht für die Wirtschaftskrise verantwortlich, sondern will die Krise negativ aufheben.“

    Die League sagt von sich selbst, daß sie zu den neuen Methoden (drogeninduzierte Massenpanik) greift, weil sie mit dem letzten Versuch nicht ganz erfolgreich war, als sie es mit „economics“ probiert hatten.

  3. 3 v 08. September 2008 um 11:33 Uhr

    @nichtidentisches: cool. bin schon gespannt was du schreibst. den bezug zur idee des opfers hab ich in deinem text zu batman, im letzten absatz gefunden.
    http://nichtidentisches.wordpress.com/2008/09/02/dark-knight/#comments

    @classless: hm. ich muß mir die stelle nochmal genauer anschauen und darüber nachdenken. vielleicht ist es wirklich so, dass der erste film eher so funktioniert wie du es meinst – league of shadows und scarecrow die krise sind. aber mit dem zweiten teil werden die deutungsmöglichkeiten eben vielschichtiger, die krise zusätzlich ins subjekt verlagert…

  4. 4 miss_anthrop 09. September 2008 um 1:47 Uhr

    Hallo
    Eine Kleinigkeit, die mir beim Film auffiehl:
    Ziemlich zum Ende hin, also 1 Pause & 2 Eisverkäufer später, sind der Anwalt & die Frau entführt & an die Bomben gefesselt. Batman muss sich nun entscheiden wen er rettet, denn Joker ist so nett zu helfen, indem er den Ort nennt, an dem sich die beiden aufhalten. Um beide zu retten reicht die Zeit nicht aus. Also wird einer von Batman aufgesucht, dies geht wahrscheinlich schneller & die andere Person muss hoffen, dass die Polizei es dann doch auch noch schafft. Joker hat dies eingerechnet & es ist ziemlich klar, dass nur Batman es rechtzeitig schaffen kann. Er muss sich also entscheiden, wer leben darf & wer nicht. Hier kommt es zu einem interessanten Moment, denn Batman entscheidet sich nicht für den weißen Ritter der Justiz, der Gatham zurück ins Licht führen kann. Nein er wählt ganz egoistisch & menschlich die Frau, hofft er wohl so seine Batman-Gene erhalten zu können…
    Unkommentiert trifft er am gewählten Schauplatz jedoch nicht die Frau, sondern den Streber. Das geht in der folgenden Aktion ein wenig unter. Ich finde aber genau dies bemerkenswert. Es bedeutet doch dass der Joker absichtlich die Locations vertauscht hat. Und wäre der Joker eben nicht der Joker, könnte man sogar Parallelen biblischen Ausmaßes erkennen.
    Der gesellschaftlichen Moral zumindest tut es genüge. Der egoistische, menschliche Batman, wird einmal seinem unmenschlichen Anspruch nicht gerecht & zack, wie sich das gehört, ordentlich dafür bestraft. Die Frau stirbt & Two-Face ist nicht so richtig ein Ersatz.
    Hätte B-Man sich für Gotham & gegen seine eigenen Bedürfnisse entschieden, hätte er zur Belohnung die Frau bekommen. Die RAF jedenfalls wär da sicher Konsequenter gewesen.
    Joker ist in diesem Fall zwar böse, will er doch die Welt ins Chaos stürzen, doch ist er auch eine positive Figur. Wie Mephisto in Goethe`s Faust, stellt er die Menschen auf die Probe. Dies im Auftrag der Moral. So gesehen ist der Joker nicht böse, bzw immer nur so schlecht wie die Gesellschaft.

    So! Ich hab übrigens studiert.

  5. 5 Nichtidentisches 09. September 2008 um 11:42 Uhr

    miss_antrhop:

    Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Ich habe es so verstanden, dass Batman absichtlich sich für Harvey Dent entscheidet. Ich hatte nicht mitgekriegt, dass Joker die Adressen vertauscht hätte. Und ich würde auch unterstellen, dass Batman damit rechnet, dass er sie vertauscht. Kann das jemand klären oder muss ich nochmal in den Film?

  6. 6 canad'oh 13. September 2008 um 13:21 Uhr

    Die hier und bei nichtidentisches vorliegenden Interpretationsversuche sind schon interessant; ich würde mich aber eher der Linie von nichtidentisches in seinem/ihren letzten Beitrag anschließen, der den Film als zusammengestoppeltes Produkt der Kulturindustrie liest.

    In diesem Sinne ist auch der Satz
    „Manchmal verdienen die Menschen mehr, weil die Wahrheit nicht gut genug ist!“
    eher Teil der Lüge, als Ausdruck von Hoffnung auf etwas ganz Anderes. Die bürgerliche Gesellschaft hat ihre Katastrophe schon hinter sich: Auschwitz. Die deutschen Nazis und ihre Freunde haben gezeigt, dass Menschen in dieser Gesellschaft dazu in der Lage und gewillt sind, eben jenen Knopf zu drücken, den der Schwerverbrecher im Film aus dem Bullauge schmeißt und der zynische Anzugträger – der Kleinbürger, der auf die Unfähigkeit der Exekutive schimpft – auf dem anderen Boot dann doch nicht drückt.
    vorstellungsrepraesentanzen schreibt, dass die bürgerliche Gesellschaft in ihrer eigenen Abgründigkeit gezeigt würde, in eben jener Szene auf den Booten. In dem Film siegt allerdings eben jene Menschlichkeit, die es realiter nicht (mehr) gibt, bzw. die geschichtlich bewiesen hat, dass sie auch ganz anders kann. Auf dem bürgerlichen Boot wird sich zwar für den Mord entschieden, die Autorität in Form des Kapitäns weigert sich allerdings, diesem Votum zu folgen. Und auch der Anzugträger schrickt vor der Vollstreckung zurück, ordnet sich also letztendlich dieser Autorität unter.

    Der Film zeigt offen, dass gelogen werden muss, dass „die dunkle Seite“ des Harvey Dent verdrängt werden muss, damit die Menschen sich einreden können, dass ja doch alles ganz okay ist. Die Projektion auf den Sündenbock, die Reinigung des Volkstribuns ex post wird hier gerechtfertigt. Geht ja auch: der Außenseiter ist reich und gutaussehend – männlich, weiß, heterosexuell – und kann sich von seiner Frust auf der Jacht in der Karibik erholen. Dabei wird unterschlagen, dass jene, auf die dann nach dem Kinobesuch ob des eigenen Elends oder der Langweile geschimpft wird, beziehungsweise gegen die sich die Frust in schiefen Blicken oder auch Faustschlägen entfaltet, eher zu denen gehören, die sowieso schon genug Probleme mit dem Sozialamt oder der Asylbehörde haben.

    In Gotham geht es zwar irgendwie düster zu, neben der Mafia gibt es zumindest in „The Dark Knight“ keine anderen Verbrechen, jenen geht es immer noch ums Geld. Auch die korrupten Cops lassen sich nur bestechen, weil sie wie die eine Polizistin eben Kohle für ihre kranke Mutter brauchen. Der irrationale Teil der bürgerlichen Gesellschaft wird auf die Weirdos in albernen Kostümen verschoben – das passiert jetzt nicht nur in diesem Film, sondern in fast jedem Superheldencomic.

    „The Dark Knight“ spricht offen aus, das sich alle ständig selbst ob des schrecklichen Zustandes ihrer Selbst und ihrer Umwelt belügen müssen – und bietet mit der Bootsszene beispielsweise so eine Lüge selbst an – und macht daraus Unterhaltung mit happy Ending. Klar „verdienen die Menschen mehr“, damit hat Batman schon Recht; nur ist dieses „mehr“ in der Kulturindustrie die konstante Autosuggestion, dass es nicht anders ginge.

  7. 7 L.O.L 15. September 2008 um 20:58 Uhr

    „ihr habt ja so viel zeeeit“

  8. 8 Administrator 16. September 2008 um 15:25 Uhr

    @l.o.l.: so ist es, du neidbolzen ;)

  1. 1 Dark Knight, dark Sight – ein Kritikstunt zur Bewahrung vor ernsteren Missverständnissen « Pingback am 09. September 2008 um 14:11 Uhr
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