Archiv für Oktober 2008

Zum antiqueeren Flugblatt der Neocommunistinnen

Liebe Neocommunistinnen, lasst doch bitte ehrlicherweise das „innen“ in eurem Namen weg. Zu offensichtlich trieft aus diversen Passagen eures Flugblattes subtile Verachtung gegenüber Homosexualität, insbesondere gegenüber der männlichen. Gehandelt wird von „akademischen Männern, die sich in unbequeme Stöckelschuhe zwängen und mit rosa Puscheln herumwedeln“, „Das hilflose Gefuchtel beim Anprobieren der neuen Netzstrumpfhose“, „unter dem rosa Röckchen“, „dieses rührige Spektakel“, „barbiehafte Assecoires bei Männern“ usw. Offenbar seht Ihr darin die eigene Hetenidentität gefährlich in Frage gestellt, für euch „verwandelt sich der Aufenthalt im Szenetreff zur Tortur.“ (Geiler „Szenetreff“! Wo habt Ihr Euch denn da hin verirrt… Lack und Leder?) Dazu passt der abgeschmackteste Antifeminismus, emanzipierte Frauen seien ja alle nur sexuell frustriert: „Hinter der queeren Fassade verbirgt sich allzu oft der übliche bildungsbürgerlich/elitär/lustfeindliche Lebensekel des ‚gehüteten Töchterchens‘.“

Ausserdem, liebe Neocommunisten: Niemand hat je behauptet, dass crossdressing o.ä. revolutionär sei. Ebensowenig wird das „öffentliche Bild der gängigen Geschlechter als repressiv begriffen“. Im Gegenteil ist gerade in den von Euch rundumschlägig platt gemachten, nach allzu leichtfertig angewandtem Denken in Kollektiven ausgemachten „Kreisen“, gerade Foucaults Kritik an der Repressionshypothese etwa, kaltester Kaffee. Niemand steht auf crossdressing, weil es „revolutionär“, sondern weil es geil ist – oder noch banaler: weil man eben gerne Kleidung trägt, in der man sich wohl fühlt. Euer Lustfeindlichkeitsvorwurf geht damit wohl nach hinten (no homo!) los. Wenn „der Mainstream der ‚gender troubled people’“ die „Auflösung der Geschlechtergrenze“ fordert dann deswegen, weil man nun mal crossdressed Angst haben muß, vor die U-Bahn gestossen zu werden.

Ihr bemerkt: „[…Es] müsste ein Negativ geschaffen werden, um überhaupt erstmal einen theoretischen Ausblick auf bessere, freiere Verhältnisse gewährleisten zu können.“ Statt allerdings Perversion wesentlich als negativen Ausdruck von Wünschen, die positiv nicht beredt werden können zu begreifen, zieht Ihr (Du?) aus Deinem Normalo-Heten-Elend reflexhaft ’sekundären Krankheitsgewinn‘. „Dieses Ziel“ kann nämlich Deines Erachtens „nur im Communismus wirkungsvoll angegangen werden“, was sehr bequem ist, musst Du dadurch doch im hier und jetzt nichts an Dir selbst kritisch hinterfragen, kannst weiterhin Deine sich durch „fortschrittliche Elemente aus der Unterschicht“ auszeichnende Sexualität öffentlich ausleben, angereichert mit „klasseneigener Unbekümmertheit“. Was soll das eigentlich sein, diese „klasseneigene Unbekümmertheit“? Potentielle Vergewaltigung, oder was? Nein, nein, alles falsch verstanden, es ist bloß schlechter Sex und Schuld ist die verklemmte, doppelmoralische Szene. „So kann es einem sozialen Selbstmord gleichkommen, sich auch nur in den zaghaftesten Regungen, nach Beischlaf bei einem Menschen aus genannten Kreisen zu bemühen.“ WAS SOLL DIE SCHEISSE??