Archiv für Dezember 2008

Verdammter Weihnachtsstress!

Im Schatten der Akropolis

…, so heisst das blog eines trotz sicherheitshalber gepackten Koffern tapfer aushaltenden Erasmusstudenten in Athen. Gegenüber dem was größtenteils gerade an „polizia assasini“-threats in der blogosphäre so herumlangweilt, ein erfrischend deskriptives blog in unfreiwilligem Gonzo-style.

„Aufgrund der momentanen Unruhen in Athen seit dem Abend des Nikolaustags 2008 habe ich mich entschlossen, vorerst die persönliche, tagebuchähnliche Sphere des Blogs gegen Augenzeugenberichte der hiesigen Vorgänge einzutauschen. Da ich in Athen am Rande des Viertels Exarchia wohne, unweit von der Universität Politechnio entfernt, befinde ich mich nahezu mitten im Geschehen. Deswegen möchte ich gerne direkt der Öffentlichkeit darüber mitteilen, was direkt hier in den Straßen passiert.“

House of Finance – Institut der Unbildung

Die jüngst von Studierenden der Uni Frankfurt geführten Internet-Diskussionen über die Annehmlichkeiten eines Studiums an der Nazi-Uni, haben ein Ausmaß an Verdummung veranschaulicht, das zunächst für Sprachlosigkeit sorgte. Ausgangspunkt war die nach einer Vollversammlung am 26. November spontan umgesetzte, temporäre Besetzung des „House of Finance“, die neue Fackel der Effizienz am IG-Farben-Campus (lea, indymedia). In einem Internetforum haben im Nachhinein einige der in diesem Gebäude studierenden ihren Vernichtungsphantasien gegen die Demoteilnehmer_innen freien Lauf gelassen und so an die schmerzliche Erfahrung erinnert, dass sich ab einem gewissen Stadium der Studierendenproteste die BWLer, einer negativen Geschichtsteleogie gleich, zur militantesten Gruppe darin gegenseitig hochschaukeln. Die Aspekte des BWL-Charakters, autoritäre Unterwürfigkeit und autoritäre Aggression, hat overdose aus dem hier einsehbaren Affektspam herausgefiltert. Sorites wurde derweil als vermeintlich beteiligte Person an den Protesten, zum Zwecke der Einschüchterung von einem (vermeintlichen BWL-) stalker als ‚Parasit der Demokratie’ vertiert, sowie als psychisch krank stigmatisiert.

Beim Lesen des Affektspamforums ist zweierlei auffallend. Zuallererst ist dies die Form. Jene sich darin zu Wort meldenden Studierenden scheinen teilweise kaum die Logik von Satzstrukturen begriffen zu haben, geschweige denn ihrer Anwendung mächtig zu sein. Das einst von Adorno verschiedentlich bemängelte Fehlen von Begriffen bei den Studierenden als eine fehlende Vorraussetzung zur Formulierung von Kritik, ist offenbar mittlerweile auf die Grammatik auszuweiten. Ein Großteil der Affektpostings zeichnet sich dadurch aus, dass das Verständnis ihres inhaltlichen Gehalts überhaupt nur möglich ist, wenn man dem gleichen Affekt unterliegt. Sprachunterricht allein half hier noch nie weiter. „Ich will gewiss nichts gegen die freundliche Institution der akademischen Ausländerkurse im Deutschen sagen, aber Kurse für Inländer wären doch vielleicht noch wichtiger, wenn sie auch nicht mehr erreichten, als dem zukünftigen [Finanzexperten, d.A] jenen Tonfall abzugewöhnen, in dem die Brutalität des Rustikalen mit der zukünftigen [effizienzfixierten, d.A.] Würde trüb sich vermischt.“ (Adorno, Philosophie und [Finanzexperte], d.A.)

Das zweite auffallende ist, dass jene einst wenn auch noch so randständige Ausrichtung der in der universitären Lehre berücksichtigten Inhalte an einer ‚Erziehung zur Mündigkeit’, nicht mehr nur von den Uni-Reformern, sondern ebenso von den zukünftigen Eliten in Form einer offensiv betriebenen Gegenaufklärung bekämpft wird. Jene Ideen der Aufklärung, die Adorno aufgrund der kulturell vorherrschenden Halbbildung dem Vergessen überantwortet sah, sehen sich mittlerweile dem kulturellen Klima einer aggressiven Schlußstrichmentalität ausgesetzt, die als gleichsam einer dem halbgebildeten Bedürfnis geschuldeten Un-informiertheit das Vergessen von eigentlich dem Affektbündel gänzlich unbekannten Inhalten forciert, weil Aufklärung als schwerfällig und ineffizient ausgemacht, der eigenen Karriere im Weg steht. Der Depp ‚Timmy’ veranschaulicht diesen Missstand: „Jetzt reicht’s! Standhafte Realitätsverweigerung, einfach nur unglaublich! Bestimmt können wir auch wieder mit marodierenden Banden a la Humboldt-Uni rechnen“.
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