Archiv für Februar 2009

That’s not a mall – that’s a space-station!

Ich weiß nicht, ob man den neuen Frankfurter Konsumtempel MyZeil als Versinnbildlichung des Warenfetischs bezeichnen kann. Jedenfalls glaube ich seit der Eröffnung heute das Funkeln erahnen zu können, dass das KaDeWe in den Augen der „Ossis“ unmittelbar nach der Annexion der DDR verursacht haben muß. Nie durften meine Augen spektakuläreres Blendwerk aus dem Reich der Konsumwelt erblicken.

Bereits die Aussenfassade ist ehrfurchtgebietend. Der im traumdeuterischen Sinne vaginal anmutende, nach innen gerichtete Strudel in der Fensterfront, übt eine bemerkenswerte Suggestivkraft auf einen aus. Er wirkt wie ein schwarzes Loch, das jeden Passanten unweigerlich ins innere zu saugen droht, der ihm zu nahe kommt. Ein Traktorstrahl des Konsums, gegen den jeder Widerstand zwecklos erscheint. Die auf das Glasgebilde im Zentrum der Aussenfassade abgestimmte Innenarchitektur, verstärkt diesen optischen Effekt noch. Das Gebäude ist, mit einem Wort gesagt: Pervers! Ein nach innen gestülpter Phallus, das Auge des Sturms, der Finger Gottes. Sofern das shoppen in den ausgewählten Geschäften nicht das Budget überschreitet, darf der Wunsch nach Rückkehr in den Mutterbauch mit einem orgiastischen Kaufrausch beantwortet werden.

Bricht auf halber Strecke die Erschöpfung über einen herein gilt es hingegen das Gebäude zu verlassen; es spuckt einen einfach aus, denn nach Sitzgelegenheiten ohne Konsumpflicht sucht man vergeblich. Bereits der Gedanke, man könne hier einfach rumlungern mutet so grotesk an, voll Scham müßte man sein Haupt senken vor der sich über vier Stockwerke erstreckenden Rolltreppe, dem pulsierenden Herz des Gebäudes, dass einen als Starlight Express durch die futuristische Innenwelt befördert.

Besonderer Erwähnung bedarf dabei auch noch das (selbstredend kostenpflichtige – also nix Gratis-KiTa) Kinderspielparadies. Hat mich die bis zur Decke reichende Ballwelt mit diversen Rutschen (usw…) schon ziemlich beeindruckt, verschlug es mir ein Stockwerk höher geradezu die Sprache. Nichts geringeres als eine Reallife-Egoshooter-Ballwelt mit fest installierten Druckluft-Ballkanonen wurde hier vorgelegt! Warum gab es sowas eigentlich zu meiner Zeit nicht? Etwa in der einst von mir so hoch geschätzten Ballwelt von IKEA?

Der Architekt Massimiliano Fuksas hat mit MyZeil eine Lustgrotte des 21.Jhd. erschaffen, die Teil einer neuen Ära der Monumentalbauten öffentlicher Freizeitgestaltung ist. Das modernste Einkaufszentrum Deutschlands stellt ein prunkvolles Denkmal für das Kapital dar, das jeder Rätekommunist gegen die Brandsätze der Anarchisten verteidigen würde, um es für die klassenlose Gesellschaft als Weltkulturerbe zu erhalten. Während die Eltern orgasmisch mit der Warenwelt verschmelzen oder sich zum Abspannen bei fitnessfirst auf den Stepmaster schwingen um den Ausblick über die Stadt zu geniessen, ihre Gören derweil wohl behütet in eine Ballwelt eintauchen in der nichts unmöglich scheint, werde ich allerdings irgendwie das Gefühl nicht los, verarscht worden zu sein. Vielleicht hätte ich doch mein Erspartes zusammenkratzen und einfach irgendetwas kaufen sollen.

aus aktuellem anlass