Zur Kritik an der UmsGanze Broschüre

wer sich im dienste eines an der emanzipation des individuums orientierten antifaschismus verortend, ein wie auch immer bestimmtes massenkonzept fährt, wird sich vorher genau überlegen was für charaktere sich von dem vertretenen politikkonzept wohl angezogen fühlen. die mit solcherart politischer weitsicht aufkommenden widersprüche sind ums ganze in dem vorgelegten büchlein staat, >weltmarkt< und die herrschaft der falschen freiheit auch durchaus bekannt. zu der gretchenfrage – wie haltet ihrs mit dem subjekt? – wird daher selbstkritisch angemerkt:

Den Generalplan haben wir gerade verschlampt. Aber eins ist klar: Der Austritt der Menschen aus ihrer selbst geschaffenen Unmündigkeit muss das Werk bewusster Individuen sein. Und da gibt es sicher noch Einiges zu diskutieren. (111)

geradezu reflexhaft wird dann jedoch bereits in den folgesätzen diese diskussion um die von ums ganze praktizierte wendung aufs objekt wieder beendet, die widersprüche einseitig zu Gunsten der Masse aufgelöst:

Aber gerade wer in ganz konkreten Auseinandersetzungen steckt, muss gleichzeitig versuchen zu verstehen, nach welchen Prinzipien die bestehende Gesellschaft funktioniert, und was daran grundlegend falsch und feindlich ist. Insofern sind gesellschaftstheoretische Reflexion und Aufklärung unverzichtbar. Wir glauben ja auch nicht, dass wir die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Man muss sich aber schon bemühen, die grundlegenden Konflikte dieser Gesellschaftsordnung zu verstehen, anstatt sich begriffslos im politischen Alltag aufzureiben – und im Endeffekt an der Modernisierung des Kapitalismus mitzuarbeiten, statt an seiner Aufhebung. Hier hat die marxistische Linke einiges zu bieten.(111)

es wird also die beschädigtheit des subjekts eingeräumt, im gleichen atemzug jedoch mittels verschwurbelter ja-aber-argumentationsfigur die gleichsetzung von individuum und subjekt im praxisorientierten antifakonzept von der kritik ausgenommen. die politische linie von umsganze wird in dem büchlein über aller kritik verortet, weswegen diese schrift eben doch kein ernst gemeintes diskussionsangebot darstellt, sondern sich stattdessen als projekt zur theoretischen legitimation der eigenen praxis als teil einer selbsternannten avantgardebewegung entpuppt.

fehlt in sachen emanzipation des individuums tatsächlich gar – trotz kantbezug – der mut, sich seines verstandes ohne leitung eines anderen zu bedienen? oder legt die zitierte passage stattdessen zeugnis über eine grundsatzdebatte ab, die zu guter letzt zu der richtigen erkenntnis geführt hat, dass in sachen subjektkritik schnellstmöglich nachgearbeitet und von diesen erkenntnissen dann erneut auf das dem eigenen handeln zu grunde gelegte politikkonzept reflektiert werden muß? zweifelsfrei zeigt die zitierte passage, dass man es besser wissen könnte, doch sind die nächsten schwerpunkte der grundsatzdebatte bereits thematisch festgelegt: ein buch zum thema ideologie wird es noch geben, ein weiteres zum kapital. die subjektkritik konnte letztlich also doch nicht gegen das narzißtische bedürfnis bestehen, „marxistische linke“ statt kritischer theorie lautet die unmissverständliche losung.

wenn diese theoretische bankrotterklärung dann noch in großspurig belehrendem duktus vorbereitet wird, indem man sich in kritischer abgrenzung von der traditionslinken gegenüber jedwedem vorwurf erhaben gibt, man nenne ein instrumentelles verhältnis zur theorie sein eigen, ist das schlicht peinlich:

Häufig wird viel Papier produziert, um das zu legitimieren, was man ohnehin schon politisch treibt oder treiben wollte. Theorie rechtfertigt bloß noch bestimmte Politikkonzepte, auf die man sich festgelegt hat. (105)

wer die kontinuitäten des ns im postnazismus ernst nimmt wie es sich bei ums ganze ja auf die fahne der antifaschistischen aktion geschrieben wird, muß auch sich selbst gegenüber wenigstens(!) insofern ein misstrauensvotum stellen, als dass ein solches mittels auswahl der eigenen begrifflichkeiten zur formulierung antifaschistischer gesellschaftskritik nicht von vornherein negiert wird. eine kritik an ums ganze, die nicht zuallererst an diesem mittels souverän auftretender rhetorik nur schlecht eskamotierten performativen selbstwiderspruch ansetzt, stattdessen hübsch selbstbezüglich an einzelnen ausprägungen dessen, wie etwa dem zelebrierten staatsfetisch herumkrittelt, greift zu kurz. wenn man sich überhaupt auf solcherart detailverliebtheit einlassen will, dann müssen die einzelnen kritikpunkte im kontext des antiselbstreflexiven politikkonzeptes von ums ganze verortet und damit in beziehung gesetzt werden.


10 Antworten auf “Zur Kritik an der UmsGanze Broschüre”


  1. 1 Administrator 22. Juni 2009 um 12:59 Uhr

    Mir hat mal ein Freund in punkto blogsport die gut gemeinte Faustregel mit auf den Weg gegeben: „Wenn ein GSPler dich verlinkt, dann hast du irgendetwas falsch gemacht.“ Ich würde allerdings noch weiter gehen und sagen: In den meisten Fällen hat man bereits dann etwas falsch gemacht, wenn GSPler überhaupt nur anfangen mit einem zu diskutieren :-D

  2. 2 ismail 03. Juli 2009 um 21:44 Uhr

    In der aktuellen Ausgabe der Onlinezeitung „trend“ ist ein Beitrag über die „Ums Ganze“-Broschüre erschienen:

    http://www.trend.infopartisan.net/trd7809/t327809.html

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