Stuttgarter Schwanzvergleich

„Provozierendes Marketing für viralen Erfolg“, das stellt für den Jung-Unternehmer und ausserdem Informationen Stuttgarter Parkschützer_innen zufolge auch S21-Befürworter Niko Gaessler von shirtpainter.com einen wichtigen wirtschaftlichen Erfolgsfaktor dar. Nachdem es um das Hochnot-peinliche „Tu’ IHN unten rein!“ T-Shirt ein kleines Skandälchen gab, von dem sich die Interessengemeinschaft „Bürger für Stuttgart 21“ in aller Eifrigkeit distanzierte, hat der in Ulm ansässige T-Shirt-Versand nun eine ganze Kollektion dieses geschmacklosen Humors vorgelegt. Bestaunen kann man die gesammelten Werke hier – da müssen ein paar Jungs wirklich mächtig Spaß gehabt haben.

Womit das öffentliche Leben hier penetriert wird ist ein Zeugnis männlichen Dissoziationsverhaltens, das – in seiner Pointe nur halbherzig zensiert – die eigenen infantilen Charakterzüge mit schonungsloser Nötigung zur Fremdscham offen legt. Wie „erwachsene“ Pro-S21-Männer hingegen sich auf ihr Bahnhofsprojekt einen runter holen würden, davon vermittelt Sigmund Freud in seiner „Traumdeutung“ einen Eindruck. Ein ursprünglich von Otto Rank festgehaltener Patiententraum wird darin wie folgt geschildert:

… Ich träume dann weiter einen mir nicht erinnerlichen Vorgang, der damit abschloß, dass ich, Hut und Rock in der Hoffnung, man werde mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgendwo, (möglicherweise in der Garderobe des Zahnarztes) zurücklassend und bloß mit dem Überrock bekleidet, mich beeile, einen abgehenden Zug noch zu erreichen. Es gelang mir auch im letzten Moment, auf den rückwärtigen Waggon aufzuspringen, wo bereits jemand stand. Ich konnte jedoch nicht mehr in das Innere des Wagens gelangen, sondern musste in einer unbequemen Stellung, aus der ich mich mit schließlichem Erfolg zu befreien versuchte, die Reise mitmachen. Wir fahren durch einen großen Tunnel, wobei in der Gegenrichtung zwei Züge wie durch unseren Zug hindurchfahren, als ob dieser der Tunnel wäre. Ich schaue wie von außen durch ein Waggonfenster hinein.

Die Freudsche Deutung ist klassisch: … den allem Anschein nach unter Schwierigkeiten vollzogenen Übergang des Träumers von der Masturbation zum Geschlechtsverkehr (Tunnel, durch den die Züge in verschiedenen Richtungen hinein- und herausfahren [also Durchgangsbahnhof, sic!]) sowie die Gefahren desselben (Schwangerschaft; Überzieher) darstellt.

Um wie vieles leichter ist aber auch das Bild eines Durchgangsbahnhofs für die Assoziation mit Geschlechtsverkehr, im Gegensatz zu dem eines Kopfbahnhofs?! Die Slogans „Rein, raus // Vor zurück // Zack, zack“ und „Sex ist auch nicht immer nur VOR und ZURÜCK“ führen die Phantasielosigkeit der verantwortlichen Ulmer Buben vor, mit der über den umstrittenen Gebäudekomplex assoziiert wird. Aber wer will schon nach Ulm? Schließlich bietet sich der Kopfbahnhof mit seinen unzähligen Rangiergleisen und –weichen, mit seinen Ecken und Kanten doch geradezu dafür an, seine Zeit mit lustvollen Erkundungen zu vertrödeln. Ein T-Shirt für Säuglinge mit dem Slogan, „Mein ganzer Bahnhof ist mir Lustobjekt“, steht allerdings bisher noch aus.