Zur Lektüre empfohlen: „AUS.SCHLUSS! Barrierefrei veranstalten“ (ak-moB)

Der seit 2007 in Berlin tätige „Arbeitskreis mit ohne Behinderung“ [ak-moB] ist ein Zusammenschluss behinderter und nicht behinderter Menschen, der sich in etwa als eine Art Referat für Behindertenpolitik der linken Szene begreift und ideologisch an die autonome Krüppelbewegung anschliesst.

Linke Behindertenpolitik heißt für den ak moB, die Bedürfnisse Behinderter mit einer Kritik an Kapitalismus, Rassismus und an heteronormativen Geschlechterverhältnissen zu verbinden. Die Gruppe nahm an den letzten beiden Mayday-Paraden mit eigenen Redebeiträgen teil, organisierte eine Diskussionsveranstaltung zu Behinderung im Nationalsozialismus und erstellt aktuell einen Leitfaden zur Barrierefreiheit für linke Gruppen. Damit soll die Aufmerksamkeit der linken Szene für barrierefreie Einrichtungen erhöht und Möglichkeiten bekannt gemacht werden, wie notwendige Gelder akquiriert werden können. Gerade in den politischen Zusammenhängen, in denen der ak moB sich selbst verortet, möchte er den Zugang zu Räumlichkeiten nicht erschwert bekommen. […]
Im Vordergrund der politischen Arbeit steht allerdings die Forderung nach der Selbstorganisation Behinderter gegen die Bevormundung durch Nichtbehinderte.
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Anfang diesen Monats hat der ak-moB mit der Broschüre „AUS.SCHLUSS! Barrierefrei veranstalten“ einen praxisorientierten Leitfaden zur Schaffung von Barrierefreiheit in linken Zusammenhängen und Projekten publiziert, der ziemlich lesens- und diskutierenswert ist. „Die Idee zur Broschüre entstand aus dem Eindruck, dass Barrieren in der Linken noch nicht in ausreichendem Maße gesehen und beseitigt werden, weil es trotz guten Willens oft an ökonomischen Mitteln, Bewusstsein und vor allem an Know-how fehlt.“ (S. 5). Auch wenn der Text betont kontruktiv formuliert wurde ist es unmissverständlich, dass er eine politische Intervention darstellt, die nicht nur eine Sensibilisierung für Missstände im Bereich der Barrierefreiheit in linken Zusammenhängen zum Ziel hat, sondern auch extreme Angenervtheit von bestimmten Erfahrungen zum Ursprung. Auch in letztere gewährt der Text Einblicke.


Basalste und wichtigste Bedingung zum Abbau von Barrieren ist zweifellos der Dialog darüber, wie und wann eine konkrete Person aufgrund ihrer Besonderheit sich selbst überhaupt erst als behindert erfährt. Der Kampf Ausgeschlossener um eine inklusive(re) Gesellschaft fällt zusammen mit der Sichtbarmachung eben dieses Ausschlusses, denn ohne Problembewusstsein keine Dialogbereitschaft. Und wer aufgrund bestehender Barrieren einen Dialog um das Einreissen eben dieser nicht einfordern kann, bleibt ausgeschlossen, der Ausschluss für alle Eingeschlossenen unsichtbar. Wer umgekehrt die diversesten Facetten eines Ableisms, den die Gesellschaft aufgrund ihrer bestimmten Strukturiertheit nahezu zwangsläufig aus sich selbst heraus produziert, unreflektiert reproduziert, verfestigt eben Barrieren und wirkt einem Dialog zum Abbau solcher entgegen; mag der gute Wille auch noch so sehr vorhanden sein. Der kulturelle und soziale Ausschluss von Menschen aufgrund bestimmter Besonderheiten macht sie überhaupt erst zu „Andersartigen“, zu Exoten, nicht ausgeschlossene hingegen zu „Normalen“ – und dass solche Prozesse des Ausschlusses gesellschaftlich wie individuell weitgehend unreflektiert ablaufen, kann es je nach Art der Behinderung sehr schwierig machen sich ihnen zu widersetzen.

Theoretisch und etwas abstrakter besehen geht es also – grob gesagt – um die Erschwerung oder Verunmöglichung von Individuation aufgrund eines gesellschaftlichen und institutionellen Kontextes, der der Besonderheit bestimmter Individuen nicht entspricht und somit ausschließend auf diese wirkt. Diese materiellen und kulturellen Gegebenheiten produzieren zugleich ein bestimmtes Bewusstsein davon was als Behinderung und was als „normal“ gilt, ein Bewusstsein das sich in den Subjekten nieder schlägt. Ein aus dieser Perspektive begründeter, materialistischer Begriff von Behinderung, bezeichnet nicht den Defekt Einzelner, sondern stattdessen ein Ausschlüsse produzierendes soziales Verhältnis. Das bürgerliche Verständnis von Behinderung entspricht dieser Sichtweise diametral entgegengesetzt insofern, als dass hier die Kategorie der Behinderung eng verwoben ist mit der Fähigkeit bzw. Unfähigkeit zum Verkauf der eigenen Ware Arbeitskraft.

In welchem Maße der Fähigkeit verschiedener Individuen zur Selbstversorgung Raum und Wichtigkeit zugesprochen wird, wie viel Wert also der gesellschaftliche Zusammenhang auf Inklusivität legt, das ist folglich immer ein Produkt sozialer Kämpfe. Die Broschüre des „ak-moB“ ist ein Beitrag zu diesem Kampf, fokussiert auf Missstände innerhalb der linken Szene. Sie fordert die Umsetzung von mehr Barrierefreiheit konstruktiv ein und versucht gleichsam in diesem Zuge wie zu diesem Zweck, diesen sozialen Kampf in der Szene überhaupt erst sichtbar(er) zu machen.

Die teilweise durchscheinende autonome Weltsicht geht mir zwar generell ziemlich auf den Keks, aber darum geht es hier ja eigentlich nicht. Schade ist allerdings, dass die UN-Behindertenrechtskonvention mit keiner Silbe Erwähnung findet. Dabei ist dieser Forderungskatalog in seiner für Menschenrechtskonventionen üblichen kompromisslosen Radikalität ja durchaus etwas, an dem sich die linke Szene bereitwillig messen lassen möchte. Ausserdem: „Der Bürger“ versucht sich schließlich auch an diesbzgl. Aktionsplänen zur Umsetzung und zwar auf alle Lebensbereiche bezogen! Als erstes einen solchen Plan vorgelegt hat die Landesregierung Rheinland-Pfalz, eine sich als work-in-progress verstehende Pionierarbeit, bei deren Lektüre einem vor Bewunderung der Kiefer runter klappt (auch wenn die tatsächliche Umsetzung nochmal ein ganz anderes Thema ist). Der Text ist beispielhaft dafür, was an praktizierbaren Veränderungen denkbar ist, insbesondere die Reformvorschläge zum Bereich Erziehung und Bildung sind schlichtweg derbe krass fortschrittlich!

Die UN-Behindertenrechtskonvention zur Kenntnisnahme, den Aktionsplan zur Umsetzung der Landesregierung Rheinland-Pfalz als grobe Vorlage wie man sowas generell anpacken kann, den „Aktionsplan“ des ak-moB als Anregung und Hilfestellung zur konkreten Umsetzung Linke-Szene-spezifischer Barrieren, dazu etwas guter Wille, und es sollte in gemeinsamem Dialog die eine oder andere Barri locker wahrnehm- und einreissbar sein!