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Makss Damage

„Sagen Sie, Genosse Russakow, was sagt der Marxismus-Leninismus über kopflose Mutanten? Mich beschäftigt das schon seit geraumer Zeit. Ich will ideologisch gefestigt sein, aber hier habe ich eine Lücke.“ Mit schuldbewusstem Lächeln zeigte er seine blendend weißen Zähne.
Es dauerte ein wenig, bis der Kommissar antwortete. „Weißt du, Genosse Julian F. aus G., das ist keine einfache Frage.“

Dmitry Glukhovsky, Metro 2033

Finanzamt Frankfurt entzieht Zusammen e.V. Gemeinnützigkeit

Das Finanzamt Frankfurt-Höchst hat uns am 19.01.11 die Gemeinnützigkeit aberkannt. Ab sofort ist der Verein nicht mehr berechtigt, „Zuwendungsbestätigungen für steuerliche Zwecke auszustellen“. […]
Zudem werden unsere vielfältigen Aktivitäten im Bildungsbereich einfach ignoriert. Seit vier Jahren finden Bildungsangebote statt. Hier sei nur die Kampagne zum Thema Kinderarmut („Hartz für Kinder“) erwähnt, in deren Kontext der Verein nicht nur die Regelsatzbestimmungen analysiert hat, sondern die Kosten einer gesunden Ernährung ermittelt und anschaulich in Bildungsmaterialien dargestellt hat, auf die auch viele Lehrer zurückgegriffen haben. Das Finanzamt dagegen behauptet, es liege „keine der in der Satzung genannten Förderung der Bildung und Erziehung (…) vor“.

Darauf einen Yarden! Während des entkorkens „nur erwähnt“ sei, dass die gemeinnützige „Bildungsarbeit“ von „Zusammen e.V.“ am besten über deren ideologieschleuderischen „think-tank“ – die Gruppe „Schurken ohne Staat“ – einsehbar wird. Ein vollendet kritikresistentes Antisemitenpack der autochthonen Schule, dass wahrscheinlich gerade ein Flugblatt gegen den nun als offenbar erkannten Einfluss des Mossad auf die Finanzpolitik Frankfurts am verfassen ist.

Mein Rat an die Sachbearbeiter_innen vom Finanzamt: Was du heute kannst entkorken, das verschiebe nicht auf morken!

Tron Legacy

eine reine lightshow mit gegen null gehender handlung, in der ohne mit der wimper zu zucken zusammenkopiert wurde was spaß macht. vor allem der soundtrack von daftpunk, zwei zuckersüße teenager, die sich in einer milchbar mit den türstehern prügeln, the dark knights batmobil und weltraumgeballer vor dem panorama des todessterns machen spass, doch die liste der plagiate und eastereggs ist so lang wie der film selbst. walt disney pictures hat damit genau dort weitergemacht, wo auch der erste tron-streifen bereits pionierarbeit leistete: die rückführung des films zu seinem ursprungsort, dem jahrmarkt. formal aufregend, inhaltlich mit den plattesten klischees angefüllt. während sich 1983 über diese niveaulosigkeit noch geärgert wurde kann man es heute gelassener angehen, die 3d-brille aufsetzen und einfach zur kenntnis nehmen, dass tron legacy selbstverständlich als fortsetzung angelegt ist. die unpersönliche atmosphäre eines 3d-kinos, in dem alle hinter ihrer brille sitzen und starr geradeaus schauen, kommt meinem eskapistischen bedürfnis ausserdem sogar entgegen. wenn ich mir spät abends mit ein paar reingeschmuggelten dosen 5,0 einen total stupiden streifen im musikvideoformat reinziehe, lasse ich meine sitznachbarn im kino eh nur als schablonen gelten – was soll ich da mit ausdifferenzierten charakteren im film? so wenig sozialkontakt wie möglich ist stattdessen das motto; und wenn ich kurz nach dem kino bereits alles wieder vergessen habe ist das auch nicht weiter schlimm bzw. sinn der sache.

so z.b. die story mit der transmitterübertragung von menschen in ein betriebssystem, wo dann faschismus herrscht; eine idee die schon damals so bescheuert und lahm war, dass sie auch heute noch keine weitere zeile wert ist. das gremliza diesem mist eine ganze seite in seinem heftchen einräumt hat mich endgültig die entscheidung fällen lassen, mein sauer verdientes geld nicht mehr an die konkret zu vergeuden.

norbert schatz,

ein traditionsbewusster kapitän der alten schule, missverstanden und gebauernopfert. denn nur wer selbst vor dem kap hoorn gesegelt ist weiss, dass hier eine natürliche auslese vorherrscht, durch die verweichlichte süsswassermatrosen skrupellos aus der mannschaft ausgemendelt werden. schatz kennt die see wie kein zweiter und begreift das befahren gerade jener gefürchteten region, in der pazifik und atlantik auf einander treffen, als höhepunkt seiner seefahrerkarriere. die jüngsten vorfälle auf der gorch fock haben ihm daher keineswegs die harte hand gelockert, mit der er seine mannschaft im griff hat, sondern bestenfalls die alte gewissheit bestätigt, dass frauen an bord sowieso nichts als unglück bringen. wer beim aufentern vom mast fällt, der hat auf seinem schiff eben nichts zu suchen.

der seit 2006 zwölfte kommandant der traditionsbehafteten bark begreift sich als relikt einer vergangenen seefahrerepoche und steht voller ehrerbietung zwar als letzter, aber doch immerhin in einer reihe mit den berühmtesten kapitänen der europäischen geschichte und literatur, die alle nicht weniger fordernd gegenüber ihrer mannschaft waren. kapitän ahab von der pequod, wolf larsen von der ghost, kapitän nemo von der nautilus, blight von der bounty … und nicht zuletzt: magellan von der trinidad. jenen weg der trinidad – nachdem sie die heute als magellanstrasse benannte passage erfolgreich durchfahren hatte – die berühmte pazifiküberquerung, wollte schatz seiner mannschaft zumuten:

Die archaische Etappe auf der Gorch Fock hält der Vater zweier Kinder für pädagogisch sinnvoll. „Damit jeder weiß, worauf er sich eingelassen hat.“ Die Risiken auf hoher See könne man nie ausschließen, man werde aber weiter versuchen, sie zu minimieren. Er habe allerdings den Eindruck, dass manche Bewerber Anforderungen wie dem Aufstieg in die Takelage nicht mehr gewachsen seien. „Ich bin als Kind auf dem Kirschbaum der Nachbarn geklettert, heute sitzen Jugendliche vor dem Computer. Vielleicht sollte man die Kandidaten erst mal zehn Klimmzüge machen lassen, viele schaffen das nicht.“ (süddeutsche)

in der tat, der pazifische ozean ist kein zuckerschlecken! von magellans, aus fünf schiffen bestehender flotte, sollte nur eins den weg nach spanien zurück schaffen. obwohl in zeiten von echolot, sonar und astronautennahrung vieles auf der „gorch fick“ – zumindest technisch gesehen – einfacher und erträglicher geworden sein wird als früher, sollte man sich doch über die extremen anforderungen einer solchen expedition keine illusionen machen. stefan zweig fasst die entsetzlichen leiden, die man sich mit einem halben globus wasser zwangsläufig einkauft, in seiner magellan-biographie wie folgt zusammen:

hunger und entbehrung liegt hinter ihnen, hunger und entbehrung fährt mit ihnen, hunger und entbehrung droht vor ihnen. abgenützt ist ihre gewandung, zerfetzt jedes segel, verbraucht jedes tau. seit wochen und monaten haben sie kein neues menschengesicht gesehen, keine frau, keinen wein, kein frisches fleisch, kein frisches brot mehr erblickt, und im stillen beneiden sie wohl die verwegeneren kameraden, die rechtzeitig desertiert und heimgefahren sind, statt ausgesetzt zu sein in so unendlicher wasserwüste.

von gutenberg, der freund aller deckschrubber, vernünftelt zwar über humanitäre mindeststandards, hat aber von der europäischen seefahrtsgeschichte keine ahnung. sonst hätte er sich nämlich kaum zu der bescheuert formulierten anweisung gegenüber der gorch fock hinreissen lassen, „auf dem schnellsten weg nach hause“ zu segeln. denn der schnellste weg von feuerland in den kieler hafen, das bedeutet – orthodox interpretiert – nunmal nichts anderes als eben die entbehrungsreiche pazifikküberquerung, wo die mannschaft – ob unter schatz oder einem anderen kommandant – nochmal so richtig bluten darf. danach käme dann noch der indische ozean, an dessen reiches haivorkommen der zerschlissenste teil der besatzung verfüttert werden könnte und zu guter letzt würde zumindest schatz die gorch fock wohl lieber versenken, als den stolzen dreimaster gesenkten hauptes an die landratte von gutenberg zu übergeben. als einzige alternative zu einem solchen märtyrium auf hoher see bliebe der mannschaft dann nurmehr das wirkliche meutern, um sich danach in der magellanstrasse zu verstecken und auf die piraterie zu verlegen. magellan selbst gelang es damals zwar, die gegen ihn aufgestandene flottenmeuterei nieder zu schlagen, in den spanischen heimathafen sollte er dennoch nicht lebend zurückkehren.

Feindanalysen…

- …über das problematische Verhältnis der Deutschen zur äußeren Natur (aus der US-Depesche über die ‚Bruno-Affäre‘, 2006): However, as Bavarian Interior Minister Beckstein has often emphasized, foreigners are only welcome in Bavaria provided they are willing to adapt to German culture and traditions. Bruno [der 2006 von Italien aus in Bayern eingewanderte Braunbär…] quickly wore out his welcome by raiding stables, killing sheep, chickens, and a child’s pet rabbit. The Bavarian government declared Bruno „Ursus non Grata“ and ordered that he be shot or captured. Vexed by Bruno’s unchecked roaming across Bavaria — he was even seen sitting on the steps of a police station eating a guinea pig — Minister-President Edmund Stoiber took to referring to him as „the Problem Bear.“

[…] Perhaps the greatest insight from the whole Bruno affair might be that despite the veneer of „greenness“ extolled by German society, modern Germany in fact coexists uneasily with untamed nature. The contrast between the massive hunt for the first wild bear seen in Bavaria in over 170 years and the recent story of a clawless housecat treeing a bear in New Jersey couldn‘t be much more stark. True wilderness, even in mountainous Bavaria, hasn‘t really existed in Germany for generations — nature is good, as long as it is controlled, channeled, and subdued. If the saga of Bavaria’s „Problem Bear“ is any indicator, the strategy of reintroducing wild bears to the Alps, at least the German Alps, may be doomed to failure — that is, unless the bears are willing to cooperate by not being too wild.

- …über das problematische Verhältnis der Deutschen zur inneren Natur (Herbert Marcuse, New German Mentality, 1942): Ähnliches läßt sich für den Bereich der ‚Natur’ zeigen, die im Denken und Fühlen der Deutschen eine besondere Rolle spielt, gilt sie ihnen doch nicht als einfache materielle Gegebenheit, die vom Menschen gemeistert und nutzbar gemacht werden soll, sondern als eigenständige Quelle elementarster Impulse, Triebe und Wünsche des Menschen. Dieser vorchristlichen, heidnischen Naturvorstellung liegt ein starker antizivilisatorischer Impuls zugrunde: Die Natur liefert Maßstäbe und Werte, die denen der Zivilisation häufig überlegen sind und somit einen Bereich schaffen, in dem der Mensch ‚jenseits von Gut und Böse‘ lebt. […] Nun kann dieser latente Protest gegen die Zivilisation leicht an die Oberfläche geholt und zum Ferment einer sozialen Massenbewegung gemacht werden.