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Happy b-day, IvI!


Institut für vergleichende Irrelevanz, 3.12.2010, 7Jahre.

diskus-Sonderausgabe erschienen!

Endlich, endlich, nachdem das Heft zuletzt weiß der Teufel warum über zwei Monate im Druck war, ist es nun endlich raus. Ausnahmsweise ist es diesmal ein Themenheft, dass von der diskus-Redaktion sozusagen ausgesourcet wurde. In insgesamt fünf ausführlichen Essays widmet sich der für die Sonderausgabe verantwortlich zeichnende Frankfurter Arbeitskreis AK Grandhotel Abgrund einer kritischen Auseinandersetzung mit der Broschüre „Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit“, sowie ihrem Entstehungskontext. Damit wird der vor gut einem Jährchen von …ums Ganze! vorgelegten Aufforderung zum Streit nachgekommen, und der Zeitpunkt der Publikation hätte sich kaum besser ergeben können. Pünktlich zum Anfang Dezember in Bochum stattfindenden UG-Kongress kann die Kontroverse um das Selbstverständnis der „Postantifa“ im Allgemeinen, sowie des UG-Bündnisses im Besonderen, nun in eine neue Runde gehen. Und damit auch später niemand sagen kann, man hätte ja von allem nichts gewusst und so, stellt die diskus-Redaktion das neue Heft freundlich zum download bereit.

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Als Appetizer ein paar Auszüge aus dem Vorwort:
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Stuttgarter Schwanzvergleich

„Provozierendes Marketing für viralen Erfolg“, das stellt für den Jung-Unternehmer und ausserdem Informationen Stuttgarter Parkschützer_innen zufolge auch S21-Befürworter Niko Gaessler von shirtpainter.com einen wichtigen wirtschaftlichen Erfolgsfaktor dar. Nachdem es um das Hochnot-peinliche „Tu’ IHN unten rein!“ T-Shirt ein kleines Skandälchen gab, von dem sich die Interessengemeinschaft „Bürger für Stuttgart 21“ in aller Eifrigkeit distanzierte, hat der in Ulm ansässige T-Shirt-Versand nun eine ganze Kollektion dieses geschmacklosen Humors vorgelegt. Bestaunen kann man die gesammelten Werke hier – da müssen ein paar Jungs wirklich mächtig Spaß gehabt haben.

Womit das öffentliche Leben hier penetriert wird ist ein Zeugnis männlichen Dissoziationsverhaltens, das – in seiner Pointe nur halbherzig zensiert – die eigenen infantilen Charakterzüge mit schonungsloser Nötigung zur Fremdscham offen legt. Wie „erwachsene“ Pro-S21-Männer hingegen sich auf ihr Bahnhofsprojekt einen runter holen würden, davon vermittelt Sigmund Freud in seiner „Traumdeutung“ einen Eindruck. Ein ursprünglich von Otto Rank festgehaltener Patiententraum wird darin wie folgt geschildert:

… Ich träume dann weiter einen mir nicht erinnerlichen Vorgang, der damit abschloß, dass ich, Hut und Rock in der Hoffnung, man werde mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgendwo, (möglicherweise in der Garderobe des Zahnarztes) zurücklassend und bloß mit dem Überrock bekleidet, mich beeile, einen abgehenden Zug noch zu erreichen. Es gelang mir auch im letzten Moment, auf den rückwärtigen Waggon aufzuspringen, wo bereits jemand stand. Ich konnte jedoch nicht mehr in das Innere des Wagens gelangen, sondern musste in einer unbequemen Stellung, aus der ich mich mit schließlichem Erfolg zu befreien versuchte, die Reise mitmachen. Wir fahren durch einen großen Tunnel, wobei in der Gegenrichtung zwei Züge wie durch unseren Zug hindurchfahren, als ob dieser der Tunnel wäre. Ich schaue wie von außen durch ein Waggonfenster hinein.

Die Freudsche Deutung ist klassisch: … den allem Anschein nach unter Schwierigkeiten vollzogenen Übergang des Träumers von der Masturbation zum Geschlechtsverkehr (Tunnel, durch den die Züge in verschiedenen Richtungen hinein- und herausfahren [also Durchgangsbahnhof, sic!]) sowie die Gefahren desselben (Schwangerschaft; Überzieher) darstellt.

Um wie vieles leichter ist aber auch das Bild eines Durchgangsbahnhofs für die Assoziation mit Geschlechtsverkehr, im Gegensatz zu dem eines Kopfbahnhofs?! Die Slogans „Rein, raus // Vor zurück // Zack, zack“ und „Sex ist auch nicht immer nur VOR und ZURÜCK“ führen die Phantasielosigkeit der verantwortlichen Ulmer Buben vor, mit der über den umstrittenen Gebäudekomplex assoziiert wird. Aber wer will schon nach Ulm? Schließlich bietet sich der Kopfbahnhof mit seinen unzähligen Rangiergleisen und –weichen, mit seinen Ecken und Kanten doch geradezu dafür an, seine Zeit mit lustvollen Erkundungen zu vertrödeln. Ein T-Shirt für Säuglinge mit dem Slogan, „Mein ganzer Bahnhof ist mir Lustobjekt“, steht allerdings bisher noch aus.

Das Mediziner-Racket schlägt zu!

„Doktor“, sagte der Kranke, in Krämpfen sich windend, „ich kann die Schmerzen nicht mehr aushalten, lassen sie mich sterben…“ – „Ich hoffe“, entgegnete streng der Jünger Äskulaps, „Sie haben nicht die Absicht, mich meinen Beruf zu lehren.“ Max Horkheimer; GS 14, 162.

Seither frage ich mich, ob es nicht einen spezifisch ärztlichen Nihilismus gibt, der sich auf die Erfahrungen, die der Mediziner in seinen Anatomien und Operationssälen vor den geöffneten Bäuchen und Schädeln macht und mit denen ihn die Philosophie seit hundertfünfzig Jahren (noch in der Aufklärung stand Lamettrie ihm zur Seite) allein läßt, seinen eigenen und desolaten Vers macht? Ob dieser medizinische Nihilismus […] nicht eine Reserveposition des Faschismus geworden ist?“ Max Horkheimer; GS 18, 380.

Hier scheiden sich die Geister. Die einen sagen, es handle sich um Ausnahmen – und machen dadurch solche Zustände möglich. Die andern sagen: das ist die Welt, und tragen dieses Bewußtsein und die Erinnerung an das, was täglich in Krankenhäusern und Irrenanstalten vor sich geht, bei jedem Gedanken mit sich. Max Horkheimer; GS 14, 353.

Anne Will, Thea Dorn, Klaus Staeck und die Dialektik der Aufklärung

Der Himmel über der Berliner Republik hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war. Es herrschte Endzeitstimmung in deutschen Wohnzimmern, gestern, als überzeichnet von den jüngst stattgefundenen schweren Ausschreitungen zwischen Schotterkratzer_innen und SEK in den düsteren Herbstwäldern des Wendlandes, die Nation auf Anne Will schaute. Könnten sich die Deutschen durch ihr ewiges „Zaudern, Nörgeln, Blockieren“ nicht möglicherweise die Zukunft verspielen? So jedenfalls könnten die Zeichen der Zeit stehen, eröffnete Anne Will dem entsetzten Fernsehpublikum.

In der daran anschliessenden Diskussion – das sei zum Verständnis vorweg gesagt – kreiste man dann im wesentlichen um die Frage einer durch den Kontext des Weltgeschehens möglicherweise möglich gewordenen Unmöglichkeit, in demokratischer Auseinandersetzung Kompromisse darüber zu erzielen, wie wir die Produktivkräfte zukünftig zu nutzen gedenken. Denn die Proteste in Stuttgart und im Wendland grenzen schließlich geradezu an Maschinenstürmerei – Ludditen des 21.Jhd. sind das! – was wenig förderlich für das Wirtschaftswachstum ist. Eine nicht unproblematische Entwicklung, wo doch selbst die unter salomonischster Federführung Heiner Geißlers stattgefundenen Stuttgarter Schlichtungsgespräche im SWR bisher keine handfesten Ergebnisse brachten. Denn demokratischer Dialog und Auseinandersetzung schön und gut, doch während am anderen Ende der Welt der Moloch China unaufhaltsam zu einem alles verschlingenden Inferno der Weltwirtschaft mutiert, lungert die deutsche Mittelschicht lieber bei Minusgraden auf Bahngleisen herum und legt die Hände in den Schoß!

Geladen war zu diesem brisanten Thema die personifizierte Verhöhnung der Kritischen Theorie – Thea Dorn – sowie Frank Schätzing, seines Zeichens neues Männlichkeitsidol des Positivismus, der sich die Glorifizierung der Produktivkraftentwicklung auf die Fahne geschrieben hat. Offenbar sollten die beiden Trivialliterat_innen den visionären Aspekt der Fragestellung abdecken, wissenschaftlich geerdet vom Fachwissen des Stararchitekten Meinhard von Gerkan, dessen Büro neben anderen Gigantoprojekten auch für Stuttgart21 und den Berliner Hauptbahnhof verantwortlich zeichnete. Für besonderen Zündstoff sorgen sollten Anti-AKW-Kauz Hans-Christian Ströbele und als Antipode ein Kernkraft-Befürworter, warum nicht mal Martin Lindner von der FDP. Klaus Staeck kam als weitere Politprominenz zu Wort, ein AKW-Gegner und außerdem Blogosphärenhasser aus demokratischen Beweggründen. Letzteres war zwar in keinster Weise Teil der Diskussion, für die beackerte Thematik hingegen durchaus von Bedeutung – doch dazu später.
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